MITTEN IM ACHTEN

Seit 20 Jahren leitet mit Christina Hummel eine überaus kunstsinnige Frau diese Wiener Institution. Wir haben sie zu einem ausgiebigen Kaffeetratsch getroffen.

Text: Wolfgang Schedelberger; Fotos: Rainer Fehringer

Wir sind ein Nachbarschaftslokal. Das Kaffeehaus ist und bleibt ein Ort der Begegnung, sagt die Grand Dame der Josefstadt. Und es ist so richtig!

Wo sind die grantigen Ober geblieben, für die das Wiener Kaffeehaus so berühmt, oder soll man eher sagen berüchtigt, ist. Im Café Hummel scheint dauernd der Schmäh zu laufen.

Ein bisserl Grant darf hin und wieder schon sein. Einen Schmäh zu haben heißt ja nicht, mit einem Dauergrinser durchs Lokal zu laufen. Mir ist das jedenfalls lieber als ein aufgesetztes, schlussendlich aber unehrliches Lächeln, auf das man bei USKetten so großen Wert legt. Ich habe nach meiner Ausbildung zwei Jahre bei Starbucks gearbeitet. Dort habe ich viel gelernt. Aber die eingelernten Floskeln, mit denen man dort Gäste behandelt, haben mir nie gefallen. Bei uns im Team herrscht die meiste Zeit eine sehr positive Stimmung. Kein Wunder, wir haben ja auch die besten Ober der Stadt. Manche sind schon länger hier als ich. Ein gutes Betriebsklima macht vieles einfacher. Das spüren auch die Gäste.

Anders als in den berühmten Kaffeehäusern in der City gibt es im Café Hummel kaum Touristen, sondern fast nur Wiener Gäste. Wieso gehen die Wiener heute ins Kaffeehaus?

Wir sind ein Nachbarschaftslokal. Das Kaffeehaus ist und bleibt ein Ort der Begegnung, auch wenn es immer noch die Zeitungsleser gibt, die ihre Ruhe haben wollen. Schließlich will sich nicht jeder ausschließlich übers Handy informieren. Ein breites Angebot an Zeitungen und Zeitschriften gehört für mich zu einem klassischen Kaffeehaus einfach dazu. Der Anlass für einen Kaffeehausbesuch hängt stark von der Uhrzeit ab. Wir sind auch ein Restaurant mit durchgehend warmer Küche. Das Essen spielt bei uns also eine große Rolle. Generell gilt, je später die Uhrzeit, desto mehr wird getrunken, desto ausgelassener ist auch die Stimmung. Mein Vater hat noch bis weit nach Mitternacht offen gehabt, weil immer noch irgendwer da war, der nicht nach Hause gehen wollte. Das geht heute nicht mehr. Um 23 Uhr ist Sperrstunde.

Und wann geht es in der Früh los?

Früher war das Frühstück für ein Kaffeehaus eine der  wichtigsten Mahlzeiten. Ich habe selbst während der Schulzeit mein Frühstück im Kaffeehaus bekommen, weil die Mama mit der Frühschicht bereits ab halb sieben im Einsatz war. Heute sperren wir erst um acht Uhr auf und das ist – rein betriebswirtschaftlich betrachtet – eigentlich zu früh. Erst ab zehn Uhr wird es bei uns richtig voll. Wirklich gut läuft das Frühstück nur am Wochenende, wo viele Gäste gemeinsam kommen und sich Zeit nehmen. Ohne Reservierung geht da gar nichts. Das Konsumverhalten ändert sich im Laufe der Zeit. Das müssen wir, bei allem Traditionsbewusstsein, einfach akzeptieren.

Was bedeutet das für das kulinarische Angebot? Gibt es im Hummel jetzt auch Pulled Pork Burger, Pizza und Wraps statt Schinken-Käse-Toast und Sacher-Würstel?

Niemals. Die Kaffeehausklassiker sind für uns unverzichtbar, die sind Teil unserer Identität. Es käme wohl zu einem Aufstand der Stammgäste, wenn wir unser Wiener Schnitzel oder das Beef Tartare von der Karte nehmen würden. Natürlich haben wir auch vegetarische Gerichte auf der Karte, aber auch diesbezüglich bleiben wir klassisch. Dazu kommen noch ein täglich wechselndes Mittagsmenü und saisonale Schmankerln. In einem guten Kaffeehaus muss das Angebot recht breit sein, weil wir sehr unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen – von der kleinen Stärkung zwischendurch bis zu einem richtigen Abendessen.

Auch preislich muss für jeden etwas dabei sein. Schließlich sollen sich im Kaffeehaus alle sozialen Schichten wohlfühlen, vom Studenten bis zum sprichwörtlichen Hofrat. Allerdings macht die hohe Inflation – vor allem bei den Energiepreisen – die Kalkulation zunehmend schwierig. Hätten wir nur Gäste, die lediglich auf einen kleinen Braunen vorbeischauen, würde sich das nicht ausgehen

Wir sprechen jetzt also vom Kaffee. Wissen junge Gäste überhaupt noch, was ein kleiner Brauner oder ein Mocca ist?

Wenn sie unsere Karte aufmerksam lesen, wissen sie das. Mir ist es wichtig, diesen Teil der Wiener Kaffeehauskultur aufrechtzuerhalten. Bei uns gibt es einen Kapuziner und einen Cappuccino. Von acht bis neun in der Früh bieten wir an der Bar einen Espresso zum Sonderpreis von 2,50 Euro an – also eine Referenz an den italienischen Stehkaffee. Die Jungen bestellen gerne Chai-Latte, langjährige Stammgäste bestellen lieber eine Melange oder einen Mocca.

Die meisten Wiener Kaffeehäuser sind Lokale, die man tagsüber besucht. Das Hummel ist aber auch am Abend immer voll. Wie machen Sie das?

Das Abendgeschäft ist für uns besonders wichtig. Das macht mir persönlich auch am meisten Spaß. Ich finde es immer wieder aufs Neue bemerkenswert, wie vielfältig unser Lokal am Abend genutzt wird. In unserem gemütlichen Hinterzimmer treffen sich regelmäßig Runden zum gemeinsamen Spielen. Auch Live-Fußball ist bei uns seit Jahrzehnten ein großes Thema. Wir haben Mädchen- und Damenrunden, Stammgäste, die zum Essen kommen, und Leute, die sich vor oder nach einer Veranstaltung auf ein Bier an der Bar bei uns treffen. Das Wort „Wohnzimmer“, mit dem ich unser Lokal gerne umschreibe, trifft tatsächlich zu.

Im Hummel ist immer etwas los. Auch Kultur wird hier großgeschrieben. Seit Kurzem gibt es sogar Karaoke mit Wienerliedern. Was steckt dahinter?

Die Musik ist meine große Leidenschaft. Bis zur Corona-Zeit bin ich auch regelmäßig als Sängerin aufgetreten. Jetzt dürfen auch unsere Gäste ans Mikrofon. Wir machen auch immer wieder Lesungen und kleinere Konzerte. Auch bei den Wienerlied-Abenden kommt die Musik vom Kammerorchester und nicht aus der Dose. Kunst und Kultur sollen auch Teil der Alltagskultur sein und nicht nur in Theatern und Museen stattfinden. Das Kaffeehaus ist ein guter Ort dafür.

Trotzdem ist um 23 Uhr Schluss. Noch länger offenzuhalten lohnt sich nicht?

Das Gästeinteresse wäre schon da, aber das geht sich mit unseren Gesetzen bezüglich der Arbeitszeiten nicht aus. Gleichzeitig hat sich auch das gastronomische Angebot im Bezirk gewandelt. Heute gibt es in der Umgebung zahlreiche Möglichkeiten, wo junge Leute bis lang nach Mitternacht ausgehen können. Viel wichtiger ist es für mich, dass wir keinen Ruhetag haben und 365 Tage im Jahr für unsere Gäste da sind. Das Hummel ist so etwas wie das Herz der Josefstadt und das schlägt einfach an jedem Tag.

Und das bereits seit 90 Jahren …

Vor 90 Jahren hat mein Großvater Karl das vormalige Café Parzival übernommen und neu gestaltet. 1967 hat mein Vater Georg die Nachfolge angetreten und es gemeinsam mit meiner Mutter bis 2005 geführt. Somit feiern wir heuer gleich zwei Jubiläen: 90 Jahre Café Hummel und 20 Jahre mit mir als Chefin.

Der Blick zurück lädt dazu ein, in die Zukunft zu blicken. Wird das Café Hummel ein Familienunternehmen bleiben?

Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Mein Sohn ist gerade elf Jahre alt. Anders als mein Vater, der mich schon in jungen Jahren dazu gedrängt hat, ihm zu versprechen, das Café weiterzuführen, werde ich meinen Sohn selbst entscheiden lassen, was er aus seinem Leben machen will. Außerdem fühle ich mich noch voller Tatendrang. Den 100er will ich auf jeden Fall noch gemeinsam mit meinen altgedienten Obern feiern, dann schauen wir weiter.

Ein breites Angebot an Zeitungen und Zeitschriften gehört zu einem klassischen Kaffeehaus einfach dazu. Schließlich will sich nicht jeder ausschließlich übers Handy informieren.

wer&wo

Café Hummel

Josefstädter Straße 66
1080 Wien

Tel.: 01/405 53 14
www.cafehummel.at