CHEFTALK

ZEIT ZU GEHEN

Zu seinem 60. Geburtstag verabschiedet sich Manfred Hayböck nach 25 Jahren in der Geschäftsführung von Transgourmet. Die Entscheidung ist Teil seiner ganz persönlichen Work-Life-Balance.

Text: Wolfgang Schedelberger // Fotos: Mila Eder.

Nein, er wird keine Beratungsfunktion übernehmen. Ja, er steht im besten Einvernehmen mit seinem langjährigen Co-Geschäftsführer Thomas Panholzer. In 15 Jahren gemeinsamer Geschäftsführertätigkeit habe es nie ein lautes Wort gegeben. Manfred Hayböck schaut blendend aus und erfreut sich bester Gesundheit. Wieso also der „vorzeitige“ Abgang, stellt Wolfgang Schedelberger die Frage?

Manche CEOs können einfach nicht loslassen und müssen sprichwörtlich aus der Chefetage getragen werden. Bei Ihnen scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Ihr Rückzug im besten Alter kommt für viele überraschend.

Für mich nicht. Schon als ich in jungen Jahren zum Geschäftsführer bestellt wurde, war mir klar, dass ich den Job nicht bis zum zwangsweisen Pensionsantritt machen werde. Eigentlich bin ich länger geblieben als ursprünglich geplant – schlussendlich sind es 25 Jahre in dieser Position geworden. Vor zwei Jahren habe ich unserem Co-Geschäftsführer Thomas Panholzer über meinen geplanten Rückzug informiert, dann unseren Aufsichtsrat und vor einem Jahr die Belegschaft. Es ist schön, wenn man im Leben solche Entscheidungen selbst in die Wege leiten kann. Nur für Außenstehende kam der Schritt überraschend.

Sie waren fast vierzig Jahre im selben Unternehmen. Angefangen haben Sie als junger EDV-Mitarbeiter. In dieser Funktion ist der Weg in die Geschäftsführung eines Lebensmittelgroßhändlers nicht wirklich vorgezeichnet. Wie ist es dazu gekommen?

Nur wenige Dinge im Leben sind vorgezeichnet. Natürlich hat auch der Zufall eine Rolle gespielt. Ich war immer schon neugierig und ehrgeizig. Wenn man mir eine heikle Aufgabe gestellt hat, habe ich das als Herausforderung angenommen und zumeist auch gut gelöst. Mein erstes Projekt war die Einführung einer EDV-basierten Datenverarbeitung. Davon hatte ich zunächst keine Ahnung, aber ich habe mich sehr schnell eingearbeitet und eine ordentliche Lösung geschaffen. Das war, wenn man so will, mein Gesellenstück.

Offensichtlich haben Sie die richtigen Wesenszüge für eine Management-Karriere mitgebracht. Aber wie haben Sie sich die Fähigkeiten für all die anderen Aufgaben angeeignet? Mit 35 Jahren als frischgebackener Co-Geschäftsführer plötzlich auch fürs Personalwesen verantwortlich zu sein, stelle ich mir schwierig vor. Human Resources hat wenig mit EDV zu tun. Oder?

Ich habe mich laufend weitergebildet. Fachwissen kann man sich aneignen. Fortbildung wird in unserem Haus seit jeher großgeschrieben. Gerade das Themenfeld Human Resources, wie das jetzt auf Neudeutsch für Personalentwicklung heißt, ist von zentraler Bedeutung. Fast jedes Unternehmen verwendet den Stehsatz: „Das Wichtigste sind unsere Mitarbeiter.“ Das stimmt schon, aber das muss man dann auch so leben. Mir hat dieser Bereich immer viel Freude bereitet.

Wirklich? Da muss man mitunter auch Mitarbeiter feuern. Ist das emotional nicht schwierig?

Gefeuert habe ich niemanden, aber hin und wieder musste ich jemand kündigen. Mit Fairness und Respekt kann man das in einer anständigen Form machen. Ich habe mich immer für unsere Mitarbeiter eingesetzt, was dazu geführt hat, dass mich mein Aufsichtsrat in einer Sitzung einmal recht kritisch als Betriebsrat bezeichnet hat. Ich habe das als Kompliment aufgefasst. Wenn ein Mitarbeiter Unterstützung braucht, hat er sie bei mir immer bekommen. Aber eine grundsätzliche Leistungsbereitschaft muss auch immer gegeben sein. Dank unseres permanenten Wachstums habe ich wesentlich mehr Mitarbeiter einstellen dürfen als kündigen müssen. Vor 25 Jahren hatten wir 576 Mitarbeiter, heute sind es 2.200. Wenn ich in diesem Bereich Fehler gemacht habe, dann eher beim Recruiting.

Ein gutes Stichwort. Haben Sie einen geeigneten Nachfolger eingestellt?

Ganz sicher nicht. Zum einen gibt es mit Thomas Panholzer aktuell einen aktiven Geschäftsführer, der die Verantwortung jetzt eine Zeit lang allein tragen „muss“. Zum anderen liegt dieser Verantwortungsbereich beim Aufsichtsrat. Wir haben ein ausgezeichnetes Führungsteam, in dem auch relativ junge Mitarbeiter zeigen können, was in ihnen steckt. Ich habe nicht die geringste Sorge, dass es mit Transgourmet nicht erfolgreich weitergehen wird. Man soll seine Arbeit immer ernst nehmen, gleichzeitig soll man soll seine eigene Person nicht zu wichtig nehmen.

In diesem Gespräch geht es jedoch um Sie als Person. Keine Angst vor dem „Pensionsschock“?

Wirklich nicht. Obwohl sich mein Tagesablauf natürlich ändern wird. Ich mache etwas zu hundert Prozent oder gar nicht. Von Altersteilzeit halte ich gar nichts. In den 18 Jahren der Co-Geschäftsführung mit Thomas Panholzer hat sich eine Freundschaft entwickelt. Wenn er mich anruft, werde ich das Telefon gerne abheben. Aber beruflich ist seit dem 1. Mai Schluss. Ich freue mich darauf, mehr Zeit fürs Private zu haben. Und dann habe ich schon länger die Idee, ein Buch zu schreiben. Schauen wir einmal, was daraus wird.

Jetzt bin ich gespannt. Das Thema steht schon?

Es wird in Richtung Science-Fiction gehen. Die große Frage nach dem Wesen der Zeit beschäftigt mich schon länger. Spätestens seit der Erfindung der ersten Chronometer haben wir auf der Erde die Zeit als absolut gesetzt. Albert Einstein hat das mit seiner Relativitätstheorie erstmals grundsätzlich infrage gestellt. Welche Dimension hat die Zeit in einem universellen Bezugssystem? Mal schauen, wie ich das Buchprojekt anlegen werde, aber in diese Richtung wird es gehen.

Und außer Haus? Sie können jetzt frei über ihre Zeit verfügen, egal ob absolut oder relativ.

Aktivität ist für die Gesundheit wichtig, aber ich bin kein Golfer, der jede freie Minute am Golfplatz verbringen will. Ein bisschen Radfahren, Wandern und solche Sachen. In meiner Jugend habe ich leidenschaftlich gekickt, danach habe ich mich fünf Jahre lang als Schiedsrichter engagiert. Irgendwann ist sich das beruflich mit der Zeit nicht mehr ausgegangen. Wie meine Tage genau ausschauen werden, kann ich heute wirklich noch nicht sagen. Nur so viel: Fad wird mir nicht werden.

Sichtliche Freude: Schon als er in jungen Jahren zum Geschäftsführer bestellt wurde, war ihm klar, dass er den Job nicht bis zum zwangsweisen Pensionsantritt machen werde. 

Kein Angst vor einem “Penionsschock”: Stattdessen ein Buchprojekt als Idee im Köcher.

wer&was
Transgourmet

 Als Manfred Hayböck 1988 als EDV-Projektleiter loslegte, hieß das Unternehmen noch C+C Pfeiffer. 2016 wurde es von der Schweizer Transgourmet-Gruppe übernommen und weiter ausgebaut. Transgourmet ist ein COOP-Tochter und steht somit im Eigentum von rund 3.000 Mitgliedern. Solider kann eine finanzielle Basis gar nicht sein.

2011 hatte C+C Pfeiffer 17 Standorte, im Herbst 2026 kommt mit Innsbruck der 18. Standort hinzu. Dem Trend der Zeit zum Zustelldienst folgend, wird Innsbruck der erste Transgourmet-Standort ohne eigenen Abholmarkt sein. Der Umsatz hat sich in den letzten 15 Jahren von 216 Millionen auf 910 Millionen Euro mehr als vervierfacht, die Mitarbeiterzahl ist von 576 auf 2.200 gestiegen. Noch stärker gewachsen ist die Zahl der Kunden von 15.000 auf heute 86.200.