NEXT GENERATION

REINANKEN VOM NACHBARN

Den Litzlberger Keller kennt jeder. Ein Abendessen auf der Terrasse mit Blick über den See gehört für viele Attersee-Urlauber seit Jahrzehnten dazu.

Text: Wolfgang Schedelberger // Fotos: Rainer Fehringer, beigestellt

Antonia und Lorenz Schmiedleitner wollen die Erfolgsgeschichte des Litzlberger Kellers fortschreiben – allerdings mit ihrer eigenen Handschrift.

Glanz und Glamour sind rund um den Attersee nicht gefragt. Die wenigen Hotels, die es hier gibt, sind vergleichsweise klein und seit Generation in Familienbesitz. Auch bezüglich protziger Luxusrestaurants heißt es hier: Fehlanzeige. In den empfehlenswerten Gasthäusern wird eine bodenständige Küche geboten. Die meisten Autos, denen man im Sommer auf der Seeuferstraße begegnet, haben österreichische Nummernschilder. Fast alle gehören Leuten aus dem Linzer und Wiener Raum, die hier mehr oder weniger eindrucksvolle Zweitwohnsitze haben. Mit anderen Worten: Man kennt einander. Und man weiß, wo man hingeht.

Der Litzlberger Keller ist so ein Gasthaus, in das man jedes Jahr gerne zurückkehrt. Der Autor kennt dieses Lokal seit mehr als 40 Jahren. Ein paar Jahre vor meinen Erstbesuch während meiner Schulzeit hatten Waltraud und Hermann Danter das Haus gekauft und es dann dreißig Jahre lang erfolgreich geführt. Im Jahr 2009 haben es Tochter Sandra und ihr Mann Kurt Schmiedleitner übernommen. Aus Gästesicht hat sich dadurch nichts geändert. Die Reinanken schmecken genauso gut, wie sie immer geschmeckt haben. Auch das äußere Erscheinungsbild des Hauses blieb gleich. Und die gemütliche, holzvertäfelte Gaststube steht ohnehin unter selbst auferlegtem Denkmalschutz.

Die Schank: Ort vieler Jugenderinnerungen, wenn das Haus voller Leben war. Gern lässt man sich in der gemütlichen Gaststube sehen. Für Künstler, Prominente und Verliebte steht ein blickgeschütztes Separée zu Verfügung.

Schrittweiser Generationswechsel
Seit ein paar Jahren vollzieht sich schrittweise der nächste Generationswechsel. Die Geschwister Antonia und Lorenz haben sich dazu entschlossen, das elterliche Haus weiterzuführen und haben bereits die Verantwortung für Küche und Keller übernommen. Die Eltern kümmern sich weiter um die Beherbergung und den Frühstücksservice. „Mir hat es schon als kleines Kind Spaß gemacht, wenn ab Mai die ersten auswärtigen Gäste gekommen sind. Es fühlt sich einfach besser an, wenn das Haus voller Leben ist. Ich habe schon früh begonnen, an der Schank mitzuhelfen. Für mich war es deshalb auch von Anfang an klar, dass ich eine touristische und gastronomische Ausbildung machen will“, erzählt Antonia.

Ihr Bruder Lorenz war sich zunächst nicht ganz so sicher. Er hat zuerst eine Lehre in Zerspanungstechnik und Konstruktion absolviert, bevor er mit der Kochausbildung begann, die er dann mit Auszeichnung abgeschlossen hat. „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich nicht in die Gastronomie gedrängt haben. So habe ich mich nach einem kurzen Gastspiel in einer anderen Branche aus Überzeugung fürs Gastgewerbe entschieden“, so Lorenz.

Antonia hat nach ihrem Abschluss ein paar Jahre in anderen Betrieben (unter anderem im Zwei-Sterne-Restaurant Midsummer House in Cambridge, ein Jahr im Hotel Sacher und eine Saison am Wörthersee) gearbeitet, bevor sie 2019 zurück an den Attersee kam. Genauer gesagt in die Küche des Litzlberger Kellers. „Mir macht das Kochen wirklich Spaß. Es ist ein Privileg, mit frischen Produkten aus der Region kochen zu dürfen. Das klingt wie ein Klischee, aber es ist tatsächlich so, dass wir die Fische von unserem Nachbarn, der Berufsfischer ist, bekommen. Wir kochen nur mit den Fischen, die er gefangen hat. Wenn die Reinanken aus sind, dann sind sie aus“, erklärt Antonia.

In der Küche fühlt sich Antonia am wohlsten. Ihr Stil ist durchaus kreativ aber nie gekünstelt, wie man am Schweinskotelette auf Selleriepüree sieht.

Also weiterhin nur traditionelle Wirtshausgerichte kochen? Ist das nicht ein bisschen langweilig? „Wir gehen schon unseren eigenen Weg und haben immer wieder überraschende, neue Gerichte auf der Karte. Gleichzeitig wollen wir langjährige Stammgäste nicht enttäuschen, sondern dazu verführen, auch einmal etwas Neues zu probieren. Wir haben ein total junges Team in der Küche und sprühen vor Ideen“, erklärt Antonia, wie sie den Spagat zwischen Bewahren und Erneuern meistern will.

Vor drei Jahren wurde im Rahmen eines internen Pop-ups namens „Soul“ die Neuausrichtung mit einem Rufzeichen in die Wege geleitet. Mittlerweile hat sich alles zu einem harmonischen Ganzen zusammengefunden. Wiener Schnitzel und Schweinsbraten gibt es übrigens nicht. Dafür regionale Spezialitäten mit internationaler Interpretation wie etwa Hirsch Wan Tan mit Rotkraut und Preiselbeeren oder Kalbsbackerl mit Mole, Polenta und gebratener Banane.

Vor drei Jahren ist auch Bruder Lorenz heimgekehrt. Obwohl auch er eine Kochausbildung absolviert hat, fühlt er sich im Service bei den Gästen wohler als in der Küche. Hier kann auch seine Leidenschaft für den Wein besser Rechnung tragen: „Im Gastraum gilt das gleiche Prinzip wie in der Küche. Wir haben die Weinkarte nicht von heute auf morgen komplett umgestellt. Stammgäste können weiterhin einen Smaragd aus der Wachau zum Wiener Schnitzel bestellen. Daran ist ja auch nichts verkehrt.

Gleichzeitig haben wir jetzt auch einige junge Winzer im Programm, die neue Wege gehen und richtig spannende Weine machen – auch in Richtung Naturwein. Auf unserer Weinkarte gilt also: sowohl als auch.“ Auch wenn man an Sommerwochenenden ohne Reservierung praktisch keine Chance auf einen Tisch hat, stellt sich die Frage, wie es sich finanziell ausgeht, mit einem Saisonbetrieb zwei Generationen zu erhalten?

Die Oma hilft übrigens auch noch mit und Antonia hat gerade ihr erstes Baby bekommen. Aktuell gibt es im Litzlberger Keller also sogar vier Generationen. Mit drei, maximal vier Monaten Saisongeschäft wäre das schwierig, oder? „Das wäre tatsächlich schwierig, aber wir sind ein Ganzjahresbetrieb. Wir freuen uns jeden Sommerabend darüber, wenn die Terrasse voll mit Urlaubsgästen ist. Aber uns ist die Anerkennung der Einheimischen, die das ganze Jahr zu uns zum Essen kommen, noch wichtiger. Der Attersee ist viel mehr als eine idyllische Urlaubsdestination. In Seewalchen lässt es sich das ganze Jahr über gut leben“, weiß Antonia.

Der gemütliche Seegrund mit Bootssteg und Badehaus steht den Hausgästen exklusiv zu Verfügung. Antonia und Lorenz Schmiedleitner haben hier Schwimmen gelernt.

Zwei Generationen mit klarer Verteilung der Aufgaben. Die Eltern kümmern sich um die Beherbergung, das Frühstück für die Gäste und alles Administrative. Antonia und Lorenz haben die Verantwortung für die Gastronomie übernommen.

Kunstsinnige Sommerfrische

Unsere Kaiser haben die Stadt während des Sommers schon lange gemieden. Maria-Theresia und ihre Nachfahren sind während der warmen Jahreszeit von der Hofburg ins Schloss Schönbrunn umgezogen. Kaiser Franz Joseph hat dann Bad Ischl als Sommerfrische für sich entdeckt. Das aufkommende Bürgertum hat es ihm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachgemacht. Ab 1870 sind rund um den Attersee die ersten Hotels in Kammer, in Weißenbach, in Nussdorf sowie im Ort Attersee entstanden.

Gleichzeitig begann das Wiener Bürgertum damit, komfortable Sommerresidenzen zu errichten.

Unter den Urlaubsorten der k.u.k. Monarchie nahm der Attersee eine besondere Rolle ein, weil sich hier besonders viele kunstsinnige Wiener ansiedelten. So sind Anfang des 20. Jahrhunderts auch Gustav Mahler und Gustav Klimt regelmäßig an den Attersee gekommen.

Gustav Klimt war regelmäßig im Litzlberger Keller zu Gast und hat sein Lieblingsgasthaus 1915 in einem idyllischen Landschaftsbild aus der Seeperspektive gemalt. Das Bild wurde 1996 bei Sotheby’s versteigert. Dank einer großzügigen Leihgabe der neuen Besitzer ist seit einigen Jahren wieder in Wien und kann im Leopold Museum im Rahmen der Dauerausstellung „Wien 1900 – Aufbruch in die Moderne“ betrachtet werden.

Litzlberger Keller
Moos 8, 4963 Seewalchen am Attersee

www.litzlbergerkeller.at