LUST & LIEBE
KAVIAR.BLUMEN. BUDDHA
Text: Martina Bucher // Illustration: Michael Otto
Ben bruncht wie jeden Samstag im Kaspia. Das noble Restaurant liegt in der Madison Avenue, New York. Vor dem Betreten des Restaurants weht ihm die Luft des nahegelegenen Central Park um die Nase, aber er nimmt es nicht wahr.
Seine pochierten Eier mit Royal Oscietra Kaviar um 290 Dollar zaubern ihm kein Lächeln ins Gesicht. Stattdessen ärgert er sich darüber, dass er nicht die Kartoffel bestellt hat. Vergangene Woche hat er sein Hemd mit dem weichen Dotter beschmutzt. Das wollte er in Zukunft vermeiden. Eigentlich langweilen ihn die regelmäßigen Treffen zum Kaviar-Brunch mittlerweile zu Tode. Es wäre wieder einmal Zeit für einen Ausflug nach Paris, denkt er sich.
Wir kennen solche Szenen eigentlich nur aus Filmen. So ist Bens Gleichgültigkeit ob all des Luxus, der ihn umgibt, für Linda nicht nachvollziehbar. Und doch geht es ihr mit ihrem Partner genauso. Für alle anderen sind sie seit zehn Jahren das Vorzeigepaar. Er ist aufmerksam, höflich, bemüht und für sie vor allem eines: langweilig! Wenn er ihr den wöchentlichen Blumenstrauß auf den Tisch stellt, kommt nur ein emotionsloses Danke über ihre Lippen. Sagt er ihr, wie schön er sie finde, lächelt sie spröde und verdreht leicht die Augen. Es klingt wie die Floskel, die es ja auch ist. Sie spricht mit niemandem über ihre Gefühle. Den Satz „andere wären froh, so einen Mann zu haben“, kann sie nicht mehr hören.
Im Buddhismus heißt es: „Gesundheit ist ein Zustand des Körpers, Zufriedenheit ein Zustand des Geistes.“ Eigentlich könnte die Zufriedenheit von äußeren Umständen unabhängig sein. Gleichzeitig zeigen (manche) Studien, dass das Gefühl des Wohlbefindens linear mit dem Verdienst steige – allerdings nur bei ohnehin zufriedenen Personen. Menschen, denen es emotional schlecht geht, profitieren von höheren Einkommen kaum. Die innere Zufriedenheit hängt zu einem großen Teil von genetischen Faktoren ab, was man durch Studien mit Zwillingen belegt wurde. Nur etwa zehn Prozent liegen an äußeren Umständen, entscheidend ist unser bewusstes Handeln. Genau hier man ansetzen.
Linda würde ihrem Mann die Blumen am liebsten um die Ohren schmeißen. Sie will nicht „mehr“ von ihm, sie will etwas Anderes. Die aufgesetzte Freundlichkeit höhlt sie von innen aus. Sie will Konflikte austragen, Widerspruch und Leidenschaft. Er will Frieden, Ruhe und Behaglichkeit. Es kann sein, dass die Beziehung für die beiden das Falsche ist. Manchmal braucht man wirklich etwas Neues.
Manchmal ist es aber auch so, dass jemand, der unzufrieden ist, mit dem was er hat, auch mit dem unzufrieden wäre, was er haben möchte. Ben kann es sich leisten, jederzeit nach Paris jetten, aber er wäre dort nach kurzer Zeit genauso missmutig wie daheim in New York. Wenn er seiner inneren Unzufriedenheit auf den Grund zu ginge, könnte er auch die frische Luft vor dem Restaurant genießen, die Flecken auf dem Hemd ignorieren und das exquisite Mundgefühl des zarten Kaviars bewusst genießen. Er könnte zur Abwechslung auch einmal mal ein Frühstück auf einer Picknickdecke organisieren. Vielleicht in Paris, oder auch im Central Park, der nur einen Steinwurf entfernt liegt.
wer&was
MARTINA BUCHER
Martina Bucher ist Psychologin, klinische Sexologin und Kommunikationstrainerin. Sie begleitet Menschen bei Anliegen zu den Themen Sexualität, Bewusstheit und Genuss. Mit ihren Texten verknüpft sie ihren Beruf mit ihrer Leidenschaft für Gastronomie.