DIE ANDEREN BURGUNDS

Wer liebt sie nicht, die großen Burgunder? Doch wer kann sie noch bezahlen? Wir haben uns außerhalb Frankreichs umgeschaut und dabei drei außergewöhnliche Pinot Noirs unter 50 Euro entdeckt, die hierzulande fast niemand kennt.

Text: Wolfgang Schedelberger; Fotos: beigestellt

Pinot Noir Vielfalt in Norbert Niederkoflers 3-Sterne Restaurant Atelier Moessmer: Deutschland trifft auf Frankreich und Südtirol – allesamt in Zalto Burgundergläsern präsentiert.

Wie viele Romanée-Contis tatsächlich pro Jahr getrunken werden, weiß niemand. Produziert werden im Schnitt jährlich rund 6.000 Flaschen. Doch aufgrund der absurd hohen Preise werden diese Weine kaum mehr getrunken. Sie sind zu Spekulationsobjekten geworden, die bei Auktionen gehandelt werden und dann als Trophäen im Keller stehen und auf den Weiterverkauf warten

Auch bei weniger bekannten Top-Winzern aus dem Burgund hat sich das Preisniveau in den letzten 20 Jahren vervielfacht. Selbst wenn man heute dreistellig einkauft, ist damit nicht garantiert, dass man mit diesen Weinen glücklich wird. Günstige „Geheimtipps“ gibt es kaum. Mittelmäßige Pinot Noirs zu Spitzenpreisen sind zur Regel geworden. Aus der heimischen Gastronomie haben sich die roten Burgunder mittlerweile weitgehend verabschiedet.

Doch wir müssen nicht traurig sein. Pinot Noir wird heute auf der ganzen Welt angebaut. Und das durchaus mit ansprechenden Qualitäten. Ich habe schon sehr feine Pinots aus Kalifornien (St. Barbara oder Sonoma, nicht Napa), Argentinien (nicht Mendoza sondern Patagonien) und Australien (Yarra Valley, Tasmanien statt Barossa Valley) zu vernünftigen Preisen getrunken. Auch unsere Schweizer Nachbarn zeigen vor allem in Graubünden, wie man große Pinot Noirs keltert. Leider gibt es bei den Eidgenossen einen Haken: die geringen Mengen und der starke Schweizer Franken, machen Burgunder made in Switzerland sehr kostspielig

In ganz Österreich gekeltert
Auch in Österreich findet man sehr ordentliche Blauburgunder – und das an vielen unterschiedlichen Orten: von Kärnten über die Südsteiermark, das Burgenland bis nach Niederösterreich (vor allem die Thermenregion, aber auch am Wagram). Selbst in Wien wachsen tolle Pinot Noirs – allen voran der Grand Select von Fritz Wieninger. Auch der eine oder andere Wachauer Top-Winzer hat schon gute Erfahrungen mit Blauburgunder gemacht, auch wenn diese Sorte zwecks Imagepflege in Österreich (noch) nicht auf den Markt kommen oder verschämt als Rosé gekeltert werden. Mit 1,4 Prozent ist der Anteil von Pinot Noir im heimischen Sortenspiegel sehr gering, die Mengen entsprechend bescheiden.

Alexander Koblinger hat im Restaurant Döllerer die Qual der Wahl, wenn er einen guten Pinot Noir ausschenken will.

Gäste mit Unbekanntem überraschen
„Die Burgund ist und bleibt die Benchmark. Seit Jahrhunderten werden dort große Weine gekeltert und diese Tradition gibt es in anderen Regionen einfach nicht. Zu uns kommen regelmäßig Gäste, die bewusst bekannte Etiketten aus dem Burgund bestellen und wissen genau, was das kostet. Für die glasweise Weinbegleitung greife ich gerne zu Deutschland oder Südtirol. Verdeckt eingeschenkt kann man damit Gäste positiv überraschen, weil das auch viele Weinkenner nicht am Radar haben“, erklärt Alexander Koblinger, Sommelier im 5-Haubenrestaurant Döllerer in Golling.

Gerade bei längeren Menüs, wenn man zwei oder mehr Gläser Rotwein einsetzen will, sind Pinot Noirs für Sommeliers unverzichtbar. Mit ihrer feinen Klinge und eleganten Struktur passen sie nicht nur zu Fleisch- und Wildgerichten, sondern begleiten auch Geflügel und manchen Fisch hervorragend. Je nach Alter und Stilistik kommt noch eine verführerische Frucht dazu. trotz des filigranen Auftritts entwickeln gute Pinots aber auch immer Druck am Gaumen.

Im vergangenen Jahr habe ich bei Restaurantbesuchen drei außergewöhnliche Pinot Noirs entdeckt, die zwar nicht wirklich billig, aber in Anbetracht der hohen Qualität doch ausgesprochen günstig sind.

Spätburgunder vom großen Bruder
Mit seinen Rieslingen hat sich Deutschland längst einen Fixplatz in den besten Restaurants der Welt gesichert. Aber auch die Pinot Noirs, die hier zumeist Spätburgunder genannt werden, haben mittlerweile Weltruf erlangt. Winzer wie Bernhard Huber aus Baden oder Markus Molitor von der Mosel keltern Jahr für Jahr bemerkenswerte Pinots. Mir persönlich haben es die Blauburgunder vom Weingut Ökonomierat Rebholz aus der Pfalz angetan. Jung getrunken hat der Siebeldinger vom Muschelkalk, der weniger als 50 € kostet, seine Meriten. Wenn man gereifte Spätburgunder schätzt, kommt man um die Edition „R“ nicht herum – aber auch bei diesem großen Wein bleibt die Rechnung zweistellig.

Pinot Nero mit Tiroler Handschrift
Viele Südtiroler Weine kommen wuchtig und kräftig daher – weiß wie rot. Helle Rotweine galten lange als „dünn“ und billig. Als Paradebeispiel sei der Vernatsch, der unter der Bezeichnung „Kalterer See“ massenweise exportiert wurde, genannt. Als Klaus Pfitscher 1984 damit begann, Pinot Noir auszupflanzen, wurde er zunächst belächelt. Heute lächelt er. Sein Lagen-Pinot Nero „Das Lange Feld“ ist international gefragt und überzeugen Sommeliers im In- und Ausland mit feiner Frucht, Eleganz und langem Abgang. Mit knapp 150 € hat der für viele Kenner beste Pinot Nero aus Südtirol allerdings auch einen entsprechenden Preis. Für unkomplizierte Nachmittage haben die Pfitschers den „Fuxleiten“ um 25 Euro im Sortiment. Sommeliers greifen gerne zur Riserva Matan, die sich mit etwas über 50 Euro perfekt für den Einsatz im Restaurant kalkulieren lässt.

Central Otago ist das südlichste Weingut der Welt. Hier werden seit 40 Jahren außergewöhnliche Pinot Noirs gekeltert.

Pinot Noir made by Kiwis
Südlicher geht es nicht! Die jüngste Weinbauregion Neuseelands ist auch die spannendste. Der leichte, kalkhaltige Boden und die sanften Hanglagen mit perfekter Drainage bieten beste Voraussetzungen für Pinot Noir. Das kühle Klima (es handelt sich um das südlichste Weinbaugebiet der Welt) mit sonnigen Tagen und kühlen Nächten wäre auch perfekt – wenn es da nicht die permanente Frostgefahr gäbe. Mit riesigen Windrädern versucht man dieser Gefahr Herr zu werden. Der Aufwand lohnt sich, denn die Pinot Noirs, die man hier keltern kann, sind die mit Abstand besten des Landes. Auch größere Kellereien wie Cloudy Bay, die ihre berühmten Sauvignon Blancs im 700 Kilometer nördlicher gelegenen Marlborough keltern, haben sich hier niedergelassen, um Pinot Noir anzubauen.

Meine Lieblingspinots aus Central Otago stammen von Amisfield, das der „Bio-Pionier“ John Derby 1988 gegründet hat. In den meisten Weinbauregionen der Welt mag das jung erscheinen, in Central Otago zählt man mit knapp 40 Jahren zu den ältesten Weingütern. Vor Ort konnte ich mir bei älteren Jahrgängen ein Bild vom Reifepotential der Pinots ein Bild machen, in Europa müssen wir uns mit dem aktuellen Jahrgang 2023 begnügen, der sich allerdings auch schon sehr zugänglich mit schöner Frucht und feinen Tanninen zeigt.

Pinot Noir gilt zur Recht als Königin der Rotweinsorten. Auch wenn der Pinot bezüglich Boden und Klima sehr anspruchsvoll ist, gibt es unzählige Regionen, wo er bei entsprechender Pflege ganz hervorragend gelingt.

Pfitscher, Pinot Nero Riserva Matan, 2022

EUR 38,50 netto

Bestellen bei: Weinhaus Döllerer

Ökonomierat Rebholz, Spätburgunder
Siebeldinger vom Muschelkalk 2019

EUR 41,- netto.

Bestellen bei: Weinhaus Döllerer

Amisfield Pinot Noir 2023

EUR 59,- netto.

Bestellen bei: Cellardoor24.de      

was&wo

Döllerer Weinhandelshaus // Österreich
Kellau 160, 5431 Kuchl

weinhaus@doellerer.at
+43 6244-20567
www.shop.doellerer.at

 

Winery Amisfield // New Zealand

cellardoor@amisfield.co.nz
+64 3 442 0556 ext. 2
www.amisfield.co.nz