ESSEN NACH KONZEPT
DIE TAFEL, DAS RITUAL UND DER BAUCH
Text: Jürgen Schmücking // Fotos: Theresa Wein
Es gibt Abende, die sich anders anfühlen als andere. Zwanzig Menschen betreten einen Raum, den sie nicht kennen, setzen sich neben Menschen, die ihnen fremd sind, und verlassen ihn Stunden später mit dem Gefühl, dass etwas passiert ist – etwas schwer Fassbares, das aber real ist. Der DILON Nice Attitude Club verbindet Supper Club, Salon und soziale Skulptur: ein nicht gewinnorientiertes Format, viermal im Jahr, kuratiert, intim. Hinter diesem Satz steckt ein Konzept, das in Innsbruck zunehmend Resonanz findet – und drei Menschen, die aus sehr verschiedenen Welten kommen und sich genau deshalb so gut ergänzen.
Das Konzept hat zwei Gesichter: Den Nice Attitude Club als nicht gewinnorientiertes Format für kuratierte, intime Abende einerseits – und das Dilon Studio andererseits, das für Marken, Kultur- und Privatkunden besondere Food-Erlebnisse gestaltet.
Christian Schärmer ist einer der drei Protagonisten hinter Dilon. Der Grafiker und Creative Director hat sich auf Branding, Corporate und Editorial Design spezialisiert, aber auch auf Storytelling und Spatial Design – die Gestaltung von Raum. Letzteres ist kein Zufall. Nach seinem Studium der Multimedia Art an der Fachhochschule Salzburg vertiefte er seine Ausbildung in Communication Design an der FHTW Berlin. Die Hauptstadt der 2000er-Jahre war die richtige Stadt für jemanden, der Ästhetik als politische Geste begreift: ein Raum, der damals noch erfunden wurde, mit einem Hunger nach Formen, der sich nicht stillen ließ. Als Art Director des Motorradmagazins „Craftrad“ und Herausgeber des provokanten Weinmagazins „Schluck“ bewegte er sich stets dort, wo Ästhetik und Inhalt aufeinandertreffen und wo Form selbst zur Aussage wird. „Craftrad“ war nie nur ein Magazin über Maschinen, „Schluck“ nie nur eines über Wein. Schärmer pendelt zwischen Berlin und Innsbruck und führt dort mit seiner Frau Maja das Designstudio Proxi, das Markenidentitäten und Erlebniskonzepte entwickelt – sowie die digitale Agentur proxi.me, die unter anderem die Website von Dilon selbst verantwortet.
Maja Schärmer ist die stille Architektin der Dilon-Atmosphäre. Als Expertin für Erlebnis- und Raumgestaltung bringt sie jene Dimension ein, die über das Visuelle hinausgeht: das Spürbare. Während Christian die konzeptuelle und grafische Klammer setzt, denkt Maja in sensorischen Schichten – Licht, Anordnung, Taktilität, die Dramaturgie eines Abends als Folge von Wahrnehmungsmomenten.
Thomas Bonora ist der Dritte im Bund – und der Mann, der Ideen in städtische Wirklichkeit übersetzt. Als Event- und Markenstratege betreibt er in Innsbruck die Agentur POPSICLE Marketing & Event, die Marken, Institutionen und Kulturinitiativen in ihrer Kommunikation berät. Was ihn von anderen Agenturisten unterscheidet, ist das Gewicht, das er den Inhalten beimisst, die hinter den Formaten stehen. Seine Prägung durch die Innsbrucker Kulturszene ist tief. Bonora ist seit Jahren in jenen Netzwerken aktiv, in denen Kreativwirtschaft und alternatives Kulturschaffen sich berühren – Musikfestivals, Kollektive, Leerstandsprojekte. Im Frühjahr 2025 wurde er von der Stadt Innsbruck als Kulturraum-Koordinator berufen, mit dem Auftrag, stadteigene Flächen für die freie Kulturszene nutzbar zu machen. Bürgermeister und Vizebürgermeister lobten damals öffentlich seine Vernetzung und sein Verständnis für die verschiedenen Szenen der Stadt. Es war eine logische Ernennung für jemanden, der informell schon lange diese Arbeit getan hatte.
Um zu verstehen, warum Dilon in einer Stadt wie Innsbruck funktioniert, lohnt ein kurzer Blick auf das Konzept, dem es sich verschreibt. Der Supper Club ist kein österreichisches Phänomen. Er entstand in den 1980er- und 1990er-Jahren in London und New York, zunächst als subversive Reaktion auf den regulären Restaurantbetrieb: Köche kochten in ihren Wohnungen für fremde Gäste, die per Mundpropaganda davon erfuhren und einen Beitrag zahlten. Was nach illegalem Catering klingt, war in Wirklichkeit ein Akt der kulinarischen Demokratisierung – Fine Dining ohne Türsteher, ohne Dresscode, ohne Reservierungslisten für Privilegierte. Mit der Zeit verschob sich das Konzept. Es entstanden kuratierte Formate, bei denen nicht nur das Essen im Mittelpunkt stand, sondern die Begegnung selbst. Die Location wird geheim gehalten oder wechselt jedes Mal. Die Gäste kennen einander nicht. Der Gastgeber ist Regisseur. Heute findet man Supper Clubs in fast jeder europäischen Großstadt – von Berlin bis Barcelona. In Innsbruck war das Format bis vor Kurzem noch ein Import ohne lokale Wurzeln. Dilon hat das geändert.
Die kommerziellen Aufträge finanzieren das Ideelle. Eine klassische Quersubventionierung des Herzensprojekts – und zugleich ein Beweis dafür, dass die Haltung, die Dilon ausstrahlt, auch Marken und Institutionen interessiert, die mehr wollen als Catering. Einer der Abende in der Dilon-Geschichte war im Herbst 2025 die sogenannte Hoftafel im Kreuzgang des Tiroler Volkskunstmuseums. Eine zwanzig Meter lange Tafel wie ein begehbares Bild. Brotskulpturen, Butterberge und Köstlichkeiten, kreiert von regionalen Partnern, inspiriert vom Gedanken des Erntedanks – nicht als Feier des Überflusses, sondern als Einladung zum Teilen.
Sieben regionale Gastronomen waren für die Gestaltung und kulinarische Ausstattung der Tafel verantwortlich – darunter Betriebe wie die Wilderin, Futterkutter und Sauerteigland. Das Projekt entstand im Rahmen des Kulturprogramms coll:b am Hof, initiiert von Innsbruck Tourismus und den Tiroler Landesmuseen. Sechzig Menschen saßen an diesem Abend nebeneinander – Touristiker, Politiker, Kunstschaffende und Bürger, die per Verlosung einen Platz ergattert hatten. Wer zu einem regulären Dilon-Abend möchte, meldet sich auf der Warteliste an. Das hat nichts mit elitärem Getue zu tun, sondern mit Integrität gegenüber dem Format: kuratiert, intim, viermal im Jahr – das lässt sich nicht skalieren, ohne sich selbst aufzugeben. Das Trio weiß das und hält daran fest. Auch wenn die Nachfrage wächst.