DIE TREIBENDE KRAFT DER NACHHALTIGKEIT

KEY-PLAYER: DIE BARISTAS

Christina Meinl über Klimawandel, Kaffee als Lebensfreude und die Verantwortung einer neuen Generation.

Text: Redaktion; Interview im Original auf www.comunicaffe.com

Christina Meinl: VP Group Strategies, Brand & Corporate Communication sowie Familienmitglied der fünften Generation des Familienunternehmens und Botschafter der Wiener Kaffeehauskultur.

Es gibt keine Ziellinie. Für Christina Meinl ist Nachhaltigkeit deshalb weniger ein Ziel als eine permanente Haltung. Jede unternehmerische Entscheidung müsse sich daran messen lassen, was sie für den Planeten, die Menschen und die Verpackung bedeutet. „Man muss einfach immer weitergehen.“

Die Vertreterin der fünften Generation des Wiener Kaffeehauses Julius Meinl weiß allerdings auch, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage von Absichtserklärungen ist. Die Realität findet dort statt, wo Kaffee wächst. Auf einer Reise nach Honduras mit dem Barista Cup im vergangenen Jahr erlebte sie diese Realität unmittelbar. Die Kaffeebauern warteten auf die notwendige Trockenperiode – doch es regnete. Der Kaffee konnte nicht wie gewohnt getrocknet werden, die Qualität war gefährdet. „Ich war wirklich schockiert darüber, wie stark der Klimawandel die Kaffeeanbaugebiete bereits erreicht hat.“

Der Klimawandel verändert damit nicht nur das Wetter, sondern möglicherweise auch die Landkarte des Kaffees. Schon wird darüber diskutiert, ob Kaffee irgendwann in Süditalien oder Spanien angebaut werden könnte. Kürzere Lieferketten wären die logische Folge. Eine interessante Perspektive – und gleichzeitig ein paradoxer Gedanke: Dass Kaffee in Europa wachsen könnte, wäre schließlich selbst eine Folge der Erderwärmung. Weltweit wird intensiv an neuen, widerstandsfähigeren Kaffeesorten und an den Folgen des Klimawandels geforscht. Meinl verfolgt diese Entwicklungen aufmerksam. Doch Forschung allein wird ihrer Ansicht nach nicht genügen. Verantwortung beginnt beim Einzelnen: „Ich kaufe dieses Produkt. Ich gehe dorthin.“ Entscheidungen müssten bewusster getroffen werden.

Die Botschafter der Bohne. Besonders wichtig sind für Christina Meinl dabei jene Menschen, die zwischen Kaffee und Konsument stehen: die Baristas. Sie ist bereits mehrfach mit Baristas zu den Ursprüngen des Kaffees gereist. Mehr als einmal habe ihr danach ein Barista gesagt: „Du hast mein Leben verändert.“ Denn wer vor Ort erlebt, wie viel Arbeit in einer Kaffeebohne steckt und welche Folgen der Klimawandel bereits für die Bauern hat, sieht die Tasse Kaffee danach mit anderen Augen.

„Der Barista ist die Person, die dieses Bewusstsein an den Konsumenten weitergeben kann“, sagt Meinl. Deshalb sei Storytelling so wichtig. Nicht als Hochglanzgeschichte, sondern als Erzählung aus eigener Erfahrung. „Wenn ich Ihnen erzähle, was ich in Honduras gesehen habe, werden Sie mir glauben, weil es wahr ist – ich war dort.“ Aus Baristas sollen so Botschafter werden, die nicht nur Kaffee zubereiten, sondern Wissen und Verantwortung weitergeben. „Wir müssen Botschafter gewinnen, die die Auswirkungen selbst erlebt haben.“

Indien, Monsun und die nächste Generation. Der nächste Blick geht nach Indien. Dort interessiert sich Meinl besonders für den Monsoon Malabar, einen Kaffee, der dem Monsunregen ausgesetzt wird. Sie will vor Ort verstehen, was diese besondere Form der Aufbereitung tatsächlich bedeutet und wie sich die klimatischen Bedingungen auf den Kaffee auswirken.

Gleichzeitig besucht sie dort das „Generations Programme“ von Julius Meinl. Programme gibt es bereits in Kolumbien, Honduras und Uganda, nun auch in Indien. Der Name ist Programm. „Ich habe meinen Kindern versprochen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um die Welt mindestens so schön zu hinterlassen, wie ich sie vorgefunden habe – hoffentlich noch schöner.“ Es ist einer der persönlichsten Sätze des Gesprächs. Nachhaltigkeit wird hier nicht zur Unternehmensstrategie, sondern zur Generationenfrage. Was hinterlassen wir den Menschen, die nach uns kommen?

Christina Meinl verbindet damit einen bemerkenswert optimistischen Gedanken. Trotz aller schlechten Nachrichten glaubt sie an die Fähigkeit der Menschheit, Lösungen zu finden: „Wir sind eine der intelligentesten Spezies auf dieser Welt.“ Diese Intelligenz müsse man einsetzen, um den Klimawandel zu lösen – und nicht, um neue Probleme zu schaffen. „Es muss möglich sein.“

Die Macht der Konsumenten. Doch auch die Konsumenten tragen Verantwortung. Bewusstsein allein reicht nicht, sagt Christina Meinl. Es braucht Nachfrage. Beim Fleisch und Gemüse sei es mittlerweile selbstverständlich, im Restaurant nach der Herkunft zu fragen. Beim Kaffee oder bei der Milch sei diese Frage noch längst nicht überall angekommen. Warum eigentlich nicht?

„Ich möchte Bio-Tee. Ich möchte wissen, woher er kommt.“ Wenn Konsumenten diese Fragen stellen, verändert sich auch das Angebot. „Wenn es Nachfrage gibt, sind wir intelligent genug, eine Lösung zu finden. Aber wir brauchen die Nachfrage.“ Gerade beim Kaffee sieht Meinl deshalb enormes Potenzial. In Teilen Asiens etwa hat sich die Kaffeekultur gemeinsam mit den Lebensgewohnheiten stark verändert. Märkte, die traditionell vom Tee geprägt waren, entdecken Kaffee. Die Chancen seien enorm.

Kaffee als kleines Glück.

Dass Nachhaltigkeit Kaffee irgendwann zu einem Luxusprodukt für wenige machen könnte, glaubt Christina Meinl nicht. Kaffee sei ein verlässliches Produkt, ein kleines Vergnügen, an dem Menschen auch in schwierigen Zeiten festhalten. Selbst während der beiden Weltkriege habe man in Europa weiterhin Kaffee getrunken. „Wenn man auf andere Dinge verzichten muss, ist Kaffee oft das Letzte, auf das man verzichten möchte.“

Vielleicht liegt darin auch ein Teil seiner besonderen Kraft. Kaffee ist für Christina Meinl mehr als ein Getränk. Er unterbricht den Alltag, schafft einen Moment des Innehaltens. „Ich sage normalerweise: Halt inne und sieh die Schönheit der Welt. Aber Kaffee bringt einen dazu, innezuhalten und die Schönheit des eigenen Tages wahrzunehmen.“

Nachhaltigkeit braucht auch wirtschaftliche Vernunft. 

Und dann ist da noch die andere Seite der Nachhaltigkeit: die wirtschaftliche. Steigende Preise, Volatilität und die Folgen der vergangenen Jahre stellen die Branche vor enorme Herausforderungen. „Wir haben mit COVID begonnen, und daraus ist ein langer Sturm geworden.“

Die Antwort darauf klingt wenig spektakulär, aber umso unternehmerischer: Kosten kennen. Preise kennen. Wissen, was man tut. Nachhaltigkeit müsse schließlich auch wirtschaftlich funktionieren. Dabei will Julius Meinl einen Weg ausdrücklich nicht gehen: den über den Qualitätsverlust.

„Wir werden bei der Qualität keine Kompromisse eingehen.“ Andere Unternehmen mögen andere Strategien verfolgen. Für Christina Meinl ist der Weg klar: „Unser Weg ist, uns auf Qualität zu konzentrieren.“ Und sie sieht darin durchaus einen Wert, den auch die Kunden erkennen. „Unsere Kunden schätzen Qualität. Sie sehen den Wert darin.“

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft hinter ihrer Nachhaltigkeitsphilosophie: Es geht nicht um den einen großen Befreiungsschlag. Nicht um eine Ziellinie, hinter der alles erledigt ist.

Es geht darum, jede Entscheidung ein wenig bewusster zu treffen. Die Geschichten dahinter zu erzählen. Menschen mitzunehmen. Und den nächsten Schritt zu gehen.

Denn die Ziellinie gibt es nicht. Aber einen nächsten Schritt gibt es immer.