VINYL COMEBACK
MIT ALLEN FÜNF SINNEN
Text: Wolfgang Schedelberger // Fotos: beigestellt
Nachtarbeit und Schwarzarbeit gehen manchmal Hand in Hand. Einer meiner ersten Sommerjobs war in den 1980er-Jahren bei Franz Thell im legendären Motto. Obwohl erst 17 Jahre alt, war ich jeden Abend als DJ vor Ort und musste mich nebenher noch um den Zigarettenverkauf und die Garderobe kümmern. Die Rolle des DJs war einfach, weil es eine strenge Playlist gab. Mangels Alternativen konnte ich ohnehin nur jene Platten spielen, die vor Ort waren. „Moments in Love“ von Art of Noise habe ich heute noch im Kopf. Der leider viel zu früh verstorbene Szene-Wirt hatte intuitiv viele Dinge begriffen, auf die es bei einem echten Kult-Lokal ankommt. So wurde jede Woche der riesige und extrem aufwendig gestaltete Blumenschmuck gewechselt. Auf meine Frage, was das eigentlich kostet, antwortete Franz lapidar: „Sehr viel! Genau darum geht es.“ Somit war auch klar, wieso das Motto stets einen DJ beschäftigte, obwohl das wohl auch ein Kellner „nebenher“ machen hätte können. Die besondere Stimmung eines Lokals hängt eben von vielen Sachen ab, die nichts mit Essen und Trinken zu tun haben
Musik im Laufe der Zeit
In einem stillen Restaurant ist es zumeist sehr ungemütlich. Man hört unangenehme Geräusche und ungewollt auch so manches Gespräch am Nachbartisch. In einfachen, gut besuchten Wirtshäusern ist das kein Thema, aber in feinen Restaurants – in Wien übrigens auch in den noblen Kaffeehäusern – gehörte einst der Pianospieler fast schon zum Mobiliar. Heute wirkt das aus der Zeit gefallen. Ein Comeback ist eigentlich unvorstellbar – trotz des anhaltenden Erfolgs von Dinner-Shows à la Palazzo in der Vorweihnachtszeit.
Die digitale Revolution
Das Aufkommen der CD in den späten 1980er-Jahren verdrängte die geliebten Vinyl-Platten fast komplett. Zunächst schienen die Vorteile der CD auch unschlagbar. 2001 hat Apple mit dem iPod die digitale Musikwiedergabe revolutioniert, es folgte der Apple-Store, wo man analog zu Amazon ungefragt individuelle Musikempfehlungen bekam. Ein Plattenladen mit persönlicher Beratung schien überholt zu sein. Ab 2008 kam mit Spotify der erste „unabhängige“ Streaming-Anbieter auf den Markt. Der Rest ist Geschichte. Für die Gastronomie war das zunächst ein Segen. Die Zeiten, wo im Hintergrund das Regionalradio dudelte, waren vorbei. Jeder Wirt konnte jetzt individuelle Playlists mit Endlosschleifen erstellen, die genau den Geschmack der eigenen Zielgruppe trafen. Ein bisschen langsamer und leiser zu Beginn des Services, immer lauter und beschwingter im Laufe des Abends, bis die Musik zur Sperrstunde hin wieder entspannter wurde. All das musste nur einmal programmiert werden – ohne dass die Kellner das wohldurchdachte Konzept mit eigenen Musikwünschen stören konnten. Es entwickelten sich sogar eigene Agenturen, die Playlists für unterschiedliche Lokaltypen erstellten. Wer braucht da noch einen DJ, der mit seinem Ego nur stört und unnötige Honorare verrechnet? Die Musik war zu einer Commodity verkommen. Das Ergebnis: High-End-Fahrstuhlmusik als Dauerberieselung.
Gaggan in Bangkok: Zu jedem Gang ein eigener Song – und das richtig laut.
Neue Lokalkonzepte mit lauter Musik
Während die guten alten Diskotheken ausstarben, hat sich ab den 2000er-Jahren im Windschatten der New Yorker Nobu-Restaurants ein neuer Lokaltyp entwickelt: große, schicke Läden mit spektakulärem Design, wenig Licht, panasiatischer Küche und angesagter Musik. Das Zuma, 2002 vom Deutschen Rainer Becker in London erfunden, gehört zu dieser Kategorie wie auch das Hakkasan oder das etwas jüngere Sexy Fish. Diese Restaurants vermarkten sich als High-End-Partyspots mit teurem Essen und sind stets auf der Suche nach neuen, lukrativen Locations – von London bis New York, von Shanghai bis Singapur, von Las Vegas bis zu den Boomtowns am Persischen Golf. DJs sind für diesen Lokaltyp vor allem für Marketingzwecke wichtig. Unabhängige DJs mit eigenem Geschmack und ausgefallenen Sets sind nicht gefragt – der Musikstil ist strikt vorgegeben. Auf den ersten Blick mögen solche Lokale beeindrucken, Seele haben sie zumeist keine. Das sind die Plätze, wo eine neureiche In-Crowd die leuchtenden Flaschen der luxuriösen Champagner-Häuser im Großformat bestellt. Er möge ihnen schmecken
Das Comeback von Vinyl
Das Ende der Vinyl-Platten war in den 1990er-Jahren etwas vorschnell prophezeit worden, obwohl die Verkaufszahlen ins Bodenlose gefallen waren (1994 nur mehr 1,5 % Marktanteil). Seit 2008 steigen die Verkaufszahlen wieder. Heute gelten Schallplatten als Lifestyle-Produkt, das mehr als nur Retro-Charme bietet. Experten sprechen von einem dynamischeren Sound und tieferem Klang. Vor allem aber zeigt ein Lokal mit Plattenspieler, dass man das Echte schätzt und sich Zeit für Qualität nimmt – auch bei der Musik. Wahrscheinlich könnte heute jede gängige KI, wenn sie nur mit genug Feedback gefüttert wird, eine populärere Musik aussuchen als ein Mensch am Plattenspieler. Aber das Vorhandensein eines DJs signalisiert jedem Gast, dass es hier nicht um gnadenlose Kostensenkung geht.
Die Naturweinbar Gota im Zentrum von Madrid hat zwei Plattenspieler und ein hochwertiges Soundsystem.
Von Madrid nach Athen
Wenn ich eine fremde Stadt besuche, zieht es mich ab einer gewisse Uhrzeit in angesagte Weinbars, in denen man auch zwanglos, aber gut essen kann. Ein Freund hatte mir das Gota in Madrid empfohlen. Das kleine Lokal ist wirklich grandios, ich habe es bereits dreimal besucht. Im Hinterzimmer gibt es – wie in einem Restaurant – richtige Tische, im vorderen Barraum sitzt man auf Hochtischen oder direkt an der Bar. Dort ist der prominenteste Platz für zwei Plattenspieler reserviert. Streng genommen gibt es keine DJ, denn das Plattenauflegen ist Chefsache. Auch wenn der Andrang noch so groß ist – wenn eine Platte zu Ende geht, wird zuerst die nächste aufgelegt, bevor man sich um Gästewünsche kümmert. Es werden auch nicht einzelne Titel gespielt, sondern stets das ganze Album. Sympathischer Fun Fact: Von 10.845 Lokalen, die TripAdvisor in Madrid gelistet hat, befindet sich das Gota auf Platz 10.118!
Das Pharao in Athen ist deutlich größer als das Gota, aber auch hier dreht sich alles um Naturweine. Trotz der Größe geht hier – zumindest an den Wochenenden – ohne Reservierung nichts. Bald wusste ich, wieso. Traditionelle griechische Gerichte werden mit einem modernen Twist zubereitet, vieles kommt aus dem Holzofengrill. Neben ausgesuchten internationalen Weinen (aus Österreich gibt es Tschida, Oggau, Werlitsch, Muster und Andreas Tscheppe) gibt es alles, was in der griechischen Naturweinszene angesagt ist – und das ist wirklich spannend. Sympathische Gäste, lässiges Ambiente, großartiges Essen, spannende Weine. Was braucht man mehr? Richtig: echt gute Musik, für die ein DJ hinter der Bar sorgt. Die Stimmung war den ganzen Abend hindurch magisch. Das taugt nicht nur den Gästen, auch die Service-Mitarbeiter bewegen sich bei guter Musik fast tanzend durch das Lokal.
Im Pharao in Athen hat der DJ einen Fixplatz hinter der Theke. Im walisischen 2-Sterner Ynyshir ist die Musik Teil des Unterhaltungsprogramms für die dreiundzwanzig Gänge an Speisen.
Von Wales bis Bangkok
Von Gareth Wards Zwei-Sterne Restaurant Ynyshir in Wales haben wir vergangenes Jahr berichtet. Schritt für Schritt haben Gareth und seine Frau Amalia ein 23-gängiges Menü komponiert, das drei Stunden lang abwechslungsreiche Unterhaltung bietet. Schließlich müssen fast alle Gäste eine mehrstündige Anreise in Kauf nehmen. Sie wollen also etwas erleben. Seit ein paar Jahren gehört ein hauseigener DJ dazu, der mit einer bunten Mischung und Schwerpunkt Popmusik für akustische Unterhaltung sorgt. Ab den Dessert-Gängen wandelt sich der Dining Room zur Party-Location. Jetzt schmecken die ausgesuchten Whiskies noch besser. Vorbei ist die Sause erst, wenn der DJ „Small Town Boy“ von Bronski Beat spielt. Der Lieblingssong von Gareth Ward wird jeden Abend zum Abschluss aufgelegt.
Nachdem sich Gaggan Anand von seinem Stammrestaurant, mit dem er Weltruhm erlangt hatte, verabschieden musste, hat sich der energiegeladene Inder in Bangkok neu erfunden. In einem kleinen Eckhaus in der 68 Soi Sukhumvit führt er im ersten Stock das extrem lässige Ms. Maria and Mr. Singh – ein buntes Crossover aus indischen und mexikanischen Aromen. Im Erdgeschoß verbirgt sich ein L-förmiger Tresen, an dem gerade einmal 14 Personen Platz finden. Gaggan hat sich dort von (fast) allen Konventionen befreit und liefert Abend für Abend eine Show, mit bis zu 20 Mini-Gerichten. Zu jedem Gericht gibt es eine Story und einen eigenen Song. Alles von Vinyl. Der exzentrische Meisterkoch war einst selbst Musiker und nennt auch eine bemerkenswerte Plattensammlung sein Eigen.
Sterne mit Sound in Wien
In gewisser Weise steht die Kombination von DJ und Schallplatte für Wertschätzung gegenüber dem Hörerlebnis im Lokal. Wer sich so viel Aufwand antut, überlegt in der Regel genau, welche Musik wann gespielt wird und wie das klingt. Im Mraz und Sohn steht seit ein paar Jahren ein High-End-Plattenspieler samt Soundsystem des österreichischen Anbieters Pro-Ject. LPs werden zur Gänze gespielt, also immer beide Seiten.
„Während meiner Lehrjahre im Ausland habe ich mir bei Restaurantbesuchen oft gedacht: Je besser die Küche, desto schlechter die Musik. Als ich zurück nach Wien kam und wir daran gingen, den Gastraum neu zu gestalten, wollte ich daher unbedingt ein neues Musik-Konzept mit Plattenspieler“, erklärt Lukas Mraz. Davon profitieren übrigens nicht nur die Gäste, sondern auch die Mitarbeiter. „Es war manchmal unerträglich, Tag für Tag die ewig gleiche Playlist hören zu müssen“, erinnert sich Mraz an einige der internationalen Luxusrestaurants, in denen er zuvor gearbeitet hatte.
Juan Amador nutzt die kurze Sommerpause im August, um seinem Restaurant einen soften Relaunch zu verpassen. Dazu gehört auch die Verkabelung der verschiedenen Speaker des Grazer Soundspezialisten Poet, die in beiden Restaurantbereichen und auf der Terrasse stehen. Auch die Toiletten werden ab September hochwertig beschallt. Der Spitzenkoch, der in seiner Freizeit gerne selbst Schlagzeug spielt, erstellt die Playlists selbst: Ein bisschen Kruder & Dorfmeister, ein bisschen Buddha Bar, keine Vocals, nichts schneller als 120 BpM – so lautet das Grundkonzept. Einen Plattenspieler gibt es bei Juan Amador zwar auch, aber der wird nach Lust und Laune nur vor oder nach dem Service in Gang gesetzt.
„Piccolina – die „Kleine“ – lädt als exklusive Bar im Herzen von Wien, direkt im Filmmuseum im Gebäude der Albertina, zu genussvollen Besuchen ein. Für eine gewisse Nostalgie des Ambientes in der Piccolina Filmbar sorgen die Klänge aus einer breiten Sammlung an Schallplatten, die über den hauseigenen Plattenspieler ihre besondere atmosphärische Wirkung entfalten. Für den passionierten Gastronomen Manfred Stallmajer ist es eine große Ehre, die Filmbar im Filmmuseum mit seinem Team zu bespielen, wie auch ab und an den Plattenspieler.