BURGUNDISCH

DIE WIDERSPENSTIGE ZÄHMUNG

Das malerische Städtchen Montefalco hat den Weinen aus der Umgebung seinen Namen verliehen. Zum einen als DOC-Rosso auf Sangiovese Basis, zum anderen als reinsortiger DOCG aus der tanninreichen Sagrentino Traube. Wenn deren Bändigung gelingt, darf man sich über große, lagerfähige Rotweine freuen, die bei uns noch weitgehend unbekannt sind.

Text & Fotos: Wolfgang Schedelberger

Nein, Montefalco liegt nicht in der Toskana, sondern im wunderschönen Umbrien. Darauf wird hier größten Wert gelegt. Auf den ersten Blick ist das nicht unbedingt ersichtlich. Die Landschaft ähnelt jener ein paar Kilometer weiter nördlich. Überall sieht man sanfte Hügel, die mit Olivenhainen und Weingärten bepflanzt sind. Und auf den höchsten Hügeln liegen malerische mittelalterliche Orte, wie auch Montefalco einer ist. Nur sind die sommerlichen Besucherströme ein wenig dünner als in der Toskana, weil Umbrien nicht mit Touristenmagneten wie Florenz oder Siena prahlen kann. Und auch in puncto Marketing stellen sich die Umbrier nicht ganz so geschickt an, wie ihre nördlichen Nachbarn. Wieso kennt jeder Weinliebhaber das Chianti Classico, Montepulciano und Montalcino aber nicht Montefalco?

Bauern statt Grafen

Die Weinbautradition ist hier jedenfalls genauso alt. Doch anders als in der Toskana, wo große Adelshäuser wie die Antinoris und Frescobaldis seit vielen Jahrhunderten ihre Marken pflegen, war und ist der Weinbau in Umbrien kleinteilig strukturiert. Die Tenutas haben hier stets eine gemischte Landwirtschaft vorwiegend für den eigenen Gebrauch betrieben: Getreide und Obst, Vieh- und Schweinezucht, dazu Oliven und Wein. Wie in ganz Mittelitalien dominiert der Sangiovese. Dazu gibt es noch ein paar lokale Weißweinsorten (Grechetto und Trebbiano) sowie den kräftigen Sagrantino. Reinsortig wurde dieser eigentlich nur als süßer Passito ausgebaut. Sehr oft wurde ein kleiner Prozentsatz dem Sangiovese beigegeben, um diesem mehr Struktur, Dichte und Farbe zu verleihen. Doch allzu großes Augenmerk wurde dem Sagrantino nicht verliehen. Auch sein relativ niedriger Ertrag trug nicht zu seiner Popularität bei. Vergessen wir nicht: reinsortiger Sangiovese waren bis zur Jahrtausendwende auch in der Toskana eine absolute Rarität.

Für die Eigenversorgung und die lokale Gastronomie war die Weinwelt in und um Montefalco bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Ordnung. Es gab eine Vielzahl an Weißweinen, unterschiedliche Rotweine, die je nach Sagrantino-Anteil mehr oder weniger kräftig ausgefallen sind, dazu noch außergewöhnliche Süßweine. Das alles von kleinen Herstellern produziert, die ihren Weinen eine persönliche Note verliehen haben. Herz, was willst du mehr?

Qualität und Herkunft garantieren

Solange die Weine ausschließlich regional getrunken wurden, war dieser vinophile Wildwuchs kein Problem. Doch außerhalb Umbriens hat sich niemand ausgekannt. Als in den 1970er Jahren die ersten Produzenten damit begannen, auch mit internationalen Rebsorten wie Chardonnay und Merlot zu experimentieren, war es an der Zeit zu handeln. So wie in anderen italienischen Weinbauregion haben sich einige wichtige Produzenten dafür eingesetzt, eine DOC zu etablieren, um die Stilistik ihrer regionaltypischen Weine zu schützen. Das geschah ab 1979 in mehreren Schritten. Die genauen Regeln sind verwirrend und brauchen an dieser Stelle nicht im Detail aufgeführt werden. Sie umfassen bei den Rotweinen Montefalco Rosso DOC und Montefalco Rosso Riserva DOC – beides Weine mit zumindest 60 % Sangiovese Anteil. Außerdem gibt es noch den reinsortigen Montefalco Sagrantino DOCG. 

Die Sangiovese-Cuvées sind durch die Bank trinkfreudige Weine, deren Charakteristik von den verwendeten Cuveé-Partnern abhängt. Neben dem Strukturgebenden Sagrantino hat sich hier vor allem der Merlot als fruchtbetonter Verschnitt-Partner besonders gut bewährt. Das Preis-/Leistungsverhältnis dieser Weine ist zumeist deutlich besser als in der Toskana. Als Riservas ausgebaut haben Montefalco Rossos zumindest zehn Jahre Reifepotential und machen in jedem Alter große Freude. Dass diese Weine in Österreich kaum erhältlich sind, ist erstaunlich und irgendwie Schade. Gerade für die Gastronomie wären sie bestens geeignet. Noch spannender ist es allerdings, was sich rund um Montefalco in den letzten Jahren bei den reinsortigen Sagrantinos getan hat.

Kleine und größere Produzenten

Wir lieben es, kleine, biologisch oder gar biodynamisch arbeitende Weingüter zu besuchen. Statt von einer Marketing-Lady wird man vom Winzer höchstpersönlich begrüßt. Die Mama kocht Pasta, das Gemüse stammt aus dem eigenen Garten und in den Weinen schmeckt man das Herzblut der Betreiber. Produzenten wie Bocale, Fongoli, Valdangius, Bocale und ein Dutzend anderer, die wir diesmal leider nicht besuchen konnten, fallen in diese überaus sympathische Kategorie. Auch der eigenwillige Naturwein-Pionier Paulo Bea ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Quer übers Land verteilt gibt es aber auch einige wohlhabende Familien, die sich in den letzten Jahrzehnten ihres vinophilen Erbes besonnen und in professionelle Gerätschaften investiert haben. Ein Besuch bei den Gorettis lohnt sich nicht nur wegen der Weine. Die beiden charmanten Töchter führen gerne auf den mittelalterlichen Turm, von dem man einen tollen Ausblick über die gesamte Umgebung hat. Dank einer lokalen Flugschule, die hier ihren Sitz hat, können Helikopter-Rundfküge organisiert werden. Die betagte Nonna gibt noch immer gerne Kochkurse und auch die Weine wissen zu überzeugen. 

Ebenfalls sehr gepflegt ist die Tenuta Scacciadiavoli, wo die Familie Pambufetti gegen Voranmeldung gerne zu Verkostungen bittet. Mit 250.000 Flaschen pro Jahr gehört Scacciadiavoli zu den größeren Produzenten, im nationalen oder gar internationalen Vergleich handelt es sich aber immer noch um ein beschauliches Familienunternehmen. 

Richtig nobel genießen kann man auf der Tenuta di Saragano, weil sich die Eigentümerfamilie Pongetti Benedettoni vor ein paar Jahren dazu entschlossen hat, ihr ehemaliges Jagdschloss „La Ghirlanda“ in ein luxuriöses Wine-Resort samt hervorragendem Ristorante umzuwandeln. Eleganter kann man in der gesamten Region nicht nächtigen. Besonders die Sagrantino-Weine (trocken wie süß!) sind durch die Bank vorzüglich. 

Quereinsteiger als Vorreiter

Man kann die Entwicklung des modernen Sagrantinos nicht erzählen, ohne auf Arnaldo Caprai zu sprechen zu kommen. Der erfolgreiche Geschäftsmann erfüllte sich 1971 den Traum vom eigenen Weingut. Dass er dabei vor allem auf den damals kaum beachteten Sagrantino setzte, wurde anfangs belächelt. Doch Arnaldo Capraia hatte zum einen genug Geld, die schwierigen Anfangsjahre zu überstehen und zum anderen eine Vision: wenn Montefalco überregionale Bedeutung erlangen sollte, dann könne man dies nur mit der eigenen autochthonen Rebsorte Sagrantino schaffen und nicht mit einem weiteren Sangiovese-Verschnitt.                   

1988 übernahm sein Sohn Marco die Leitung des Weinguts, wo er sich lieber engagierte, als in den verschiedenen anderen Geschäftsfeldern seines Vaters. Es folgten Investitionen in den Keller und die Weinberge. Aus den ursprünglich 45 Hektar Rebfläche wurden im Laufe der Jahre 160. Doch Marco war es ein Anliegen, vor allem qualitativ zu wachsen und nicht bloß quantitativ. Außerdem glaubte er von Anbeginn an die biologische Bewirtschaftung der Weingärten, was in den 1990er Jahren noch die absolute Ausnahme war. Für dieses Engagement wurde Marco Caprai in der aktuellen Ausgabe der italienischen Weinbibel von Gambero Rosso mit dem Preis für nachhaltigen Weinbau ausgezeichnet. Auf die begehrten Tre Bicchieri hat er mit seinem Top-Sagrantino „25 Anni“ ohnehin ein Abo. Bescheiden und humorvoll führt uns Marco durch die Verkostung, die stilgerecht in edlen Zalto-Gläsern über die Bühne geht. 

Stars der Verkostung sind der 25 Anni, der eine Selektion aus verschiedenen Lagen darstellt, sowie der Sagrantino aus der Top-Lage Collepiano. Beide Weine sind nach dem Prinzip der „Vinifikation Intergral“ gekeltert, die Marco auf Rat von Weinberater Michel Rolland für seine Top-Sagrantinos eingeführt hat. Die Beeren kommen als Ganzes zur Vergärung, auf  Battonage wird verzichtet. Die Durchmischung erfolgt in langsam rotierenden Fässern ohne mechanisches Zutun. „Beim Sagrantino achten wir im Weingarten nicht mehr auf den Zuckergehalt, sondern ausschließlich auf die phenolische Reife der Kerne. Die bestimmt den Lesezeitpunkt. Uns kommt auch zu Gute, dass schon mein Vater vor 40 Jahren eine Zusammenarbeit mit der Universität Mailand begonnen hat und wir seither laufend an der Selektion der für uns am besten geeigneten Sagrantino-Stöcke arbeiten“, erklärt Marco Caprai.

Dabei rücken die Montefalcos DOC von Caprai ein bisschen in den Hintergrund, obwohl sie mengenmäßig den größeren Teil der Gesamtproduktion von rund 850.000 Flaschen auf Caprai darstellen. „Das sind zwei verschiedene Märkte. Im Weingarten beschäftigt uns der Sangiovese eigentlich mehr als der Sangrantino, weil es die sensiblere Rebsorte ist. Für uns ist es ganz wichtig, dass auch unsere „Alltagsweine“ perfekt gelingen. Aber wenn man als DOC-Region auch international für aufzeigen will, führt kein Weg an unverwechselbaren Weinen mit großem Reifepotential vorbei. Und das ist nun einmal der Sagrantino“, ist Marco Caprai überzeugt.

Marco Caprai hat das Erbe seines Vaters würdevoll weiter geführt und gilt beim Thema Sagrentino als Primus inter Pares der Montefalco-Winzer.

Die Cantina Fongoli ist ein kleiner Betrieb und arbeitet biodynamisch. Die Weine sind vorzüglich.
Eine Verkostung mit Sommelier-Service ist besonders reizvoll, weil man selbst die Reihenfolge und das Tempo bestimmen kann.
Beim Umgang mit der Sagrentio-Traube ist Vorsicht geboten. Marco Caprai zeigt die Vergärung im rotierenden Fass (l.), Paolo Bea ist der Bio-Pionier Region und auch für seine exzellenten Passitos bekannt, die aus angetrockneten Beeren entstehen. (r.)