IM FOKUS

WILD, WILD COUNTRY

Elegante Burgunder sind in heimischen Restaurants immer schwerer zu finden – egal ob rot oder weiß. Das liegt an den seit Jahren ständig steigenden Preisen, die eine vernünftige Kalkulation für Gastronomen unmöglich macht. Zeit, sich anderswo umzusehen. Etwa im fernen Oregon.

Text: Wolfgang Schedelberger

Larry Stone hat bei seinem Österreich-Besuch auch im Wiener Cityrestaurant Shanghai vorbeigeschaut und seine aktuellen Weine aus Oregon  präsentiert. 

Weine aus Oregon sind bei uns weitgehend unbekannt. Das wird wohl auch noch eine Zeit lang so bleiben. Es handelt sich um ein relativ junges und kleines Weinbaugebiet, das von sogenannten Boutique-Wineries dominiert wird. Mit 1,5 Prozent Anteil an der produzierten Gesamtmenge rangiert Oregon nur auf Platz fünf der US-Bundesstaaten, noch hinter New York, Pennsylvania und Washington State. Unangefochten an der Spitze steht Kalifornien mit 85 Prozent aller in Amerika produzierten Weine. 

Was Wein aus Oregon so interessant macht? Das Terroir und das kühle Klima! Das stellt die Winzer zwar regelmäßig vor Herausforderungen im Weingarten, dafür gedeihen hier die Burgundersorten Chardonnay und Pinot Noir in Qualitäten, wie man sie in der neuen Welt niemals vermuten würde. Gleichzeitig ist Wein kein reines Naturprodukt, sondern ein Kulturgut. Mit anderen Worten: Es kommt immer auch auf die Menschen an, die ihn zubereiten.   

Neue Heimat, alte Heimat

Der Großvater von Larry Stone hieß noch Stein und diente einst in der k.u.K. Armee. 1938 musste Larrys Vater vor den Nazis flüchten und landete über Umwegen in Seattle, wo schließlich Larry auf die Welt kam. Zu Hause wurde übrigens Deutsch gesprochen, das Larry bis heute akzentfrei beherrscht. Er startete eine erfolgreiche Karriere in der Gastronomie. Zunächst als einfacher Kellner, dann im Weinservice. Als einer der ersten Master Sommeliers der USA verfolgte er die Entwicklung der amerikanischen Weinwirtschaft aus nächster Nähe. In dieser Rolle lernte er auch den leider viel zu früh verstorbenen Alois Kracher kennen, der als Botschafter der heimischen Weinkultur rund um die Welt unterwegs war. Dessen Sohn Gerhard Kracher hat nicht nur das Paradeweingut seines Vaters vorbildlich fortgeführt, er hat mit Kracher Fine Wines auch ein kleines, sehr feines Weinhandelsgeschäft aufgebaut, das sich auf exklusive Weine aus aller Welt spezialisiert hat. Dazu zählen auch die Weine des Mastersommeliers Larry Stones aus Oregon.

Pensionsvorsorge reinvestiert

Doch wie kam der Sommelier Larry Stone zu seinem eigenen Weingut? Der übliche Weg – also von den Eltern erben – war für ihn ja verschlossen. Bereits zur Jahrtausendwende hatte Larry die Arbeit in Restaurants an den Nagel gehängt und hat sich bei Evening Land Vineyards engagiert. Seine exzellenten Kontakte in der Gastronomie haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Weine in den USA bestens verkauften. Er schätzte das beschauliche Leben auf dem Land verliebte sich in die reizvolle Umgebung des Willamette Valleys. Mit jedem Jahr wuchs seine Begeisterung für das einzigartige Terroir, wo sich Pinot Noir und Chardonnay so unglaublich wohl fühlen. Als 2012 die benachbarte, 61 Hektar große Janzen Farm zu Verkauf stand, musste Larry nicht lange überlegen. Ein eigenes Weingut zu führen, war der große Traum seines Lebens. Gleichzeitig hatte Larry gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert und auf der Janzen Farm stand noch kein einziger Weinstock. Geld hatte er auch kaum. Allerdings hatte er – wie es sich für ein smarten Sommelier gehört – im Laufe von vier Jahrzehnten eine ansehnliche Sammlung an Top-Weinen aufgebaut, die eigentlich als Altersvorsorge gedacht war. Der Verkauf brachte mehr ein als erwartet. Familie und Freunde beteiligten sich ebenfalls. Statt Frühpensionist war der gerade 60 gewordene Larry plötzlich Jungunternehmer. 

„Die Versuchung war einfach zu groß. Wenn ich bei der Janzen Farm vorbeigekommen bin, was fast täglich war, habe ich vor meinem inneren Auge jedes Mal Weingärten gesehen. Ich musste das einfach probieren. Gottseidank hat es einige Menschen gegeben, die an mich und meinen Traum geglaubt haben“, erzählt uns Larry Stone in perfektem Deutsch bei einer Verkostung im Restaurant Shanghai in der Wiener Innenstadt, das Hans-Martin Gesellmann für Kracher Fine Wines organisiert hat.

Zunächst dachte Larry daran, die Trauben an renommierte Weingüter der Umgebung zu verkaufen, um einen gewissen Cash-Flow zu garantieren. Trotz seines umfassenden Wissens über große Burgunder war Larry schließlich kein ausgebildeter Önologe. Doch dann besuchte ihn der berühmte Weinmacher Dominique Lafon, der sich neben seinem eigenen Weingut in Meursault auch als Berater in Oregon engagiert hatte. Lafon überzeugte Larry davon, sobald als möglich eigene Weine abzufüllen. Ein passender Name war rasch gefunden: Lingua Franca! 

Mit Thomas Savre hatte Lafon auch einen jungen Schützling zur Hand, der sich operativ um das Weinmachen kümmern würde. Der Rest ist Geschichte. Zumindest in den USA, wo die Lingua Franca Weine in kürzester Zeit Kultstatus erlangten. 2015 war die erste, naturgemäß noch recht kleine Ernte. Trotzdem war das Presse-Echo gewaltig.

Die nächsten fünf Jahre liefen wie am Schnürchen. Mit jedem weiteren Jahr wurzelten die Weinstöcke tiefer und brachten noch ausdrucksstärkere Reben hervor. Larry Stone eilte mit seinen Lingua Franca-Weinen von Erfolg zu Erfolg. Dann kam das Feuer. Es war verheerend. 2020 wurde keine einzige Flasche gefüllt. Das ganze Projekt stand plötzlich auf der Kippe. Auf der neuerlichen Suche nach Partnern bekam Larry Stone ein unverschämtes Angebot. Die Constellation Group wollte das gesamte Weingut kaufen. Nach anfänglichem Zögern, schlug Larry dann doch zu. „Sie waren von unseren Weinen so begeistert, das sie das Weingut unbedingt haben wollten. Und zwar mit allen Personen, die dort arbeiten – also auch mich, Thomas Savre und Dominique Lafon. Ich habe mich also nicht von meinem Traum getrennt, sondern seine Zukunft gesichert. Ich fühle mich zwar immer noch voller Tatendrang, aber wenn man jenseits der 70 ist, sollte man die Weichen für eine geordnete Fortführung eines Weinguts stellen. Die besten Lingua Franca Weine werden wohl erst gekeltert werden, wenn ich nicht mehr bin. Aber das ist auch irgendwie das Schöne beim Weinmachen. Im besten Fall geht es über viele Generationen hinaus. Dass ich den Grundstein für etwas gelegt habe, das möglicherweise viele Menschen über viele Jahre glücklich macht, ist ein befriedigender Gedanke“, so Stone.

Und wie schmecken die Lingua Franca Weine?

Viel versprechend aber leider auf absehbare Zeit nicht verfügbar ist der Chardonnay Estate. Die letzten Flaschen 2019 sind bereits verkauft und 2020 gab es wie bereits erwähnt keine Lingua Franca Weine. Das ist einerseits traurig, andererseits findet man in Mitteleuropa eine breite Vielfalt an burgundischen Weinstilen, die auch preislich attraktiv sind. Anders schaut es beim Pinot Noir aus. Zwar gibt es auch außerhalb des Burgunds ordentliche Qualitäten – Schweiz, Südtirol, Deutschland und Österreich – doch wenn es elegant und trotzdem druckvoll sein soll, haben die wenigen, verfügbaren Top-Weine aus Europa stolze Preise.

Einen roten Burgunder mit einem Preis-/Leistungsverhältnis wie es der AVNI Pinot Noir von Lingua Franca hat, kenne ich kein zweites Mal. Er schmeckt tatsächlich burgundisch, mit sehr schöner Kirschfrucht, auch rote Johannesbeere. Ein Hauch von Zitronenschale, der Wine Advocate will auch Zimt wahrgenommen haben. Wichtiger ist die Struktur des Weines, der leicht und beschwingt daherkommt, gleichzeitig aber sehr lange auf der Zunge haften bleibt. Aktuell verfügbar sind die Jahrgänge 2017 und 2019 die für Endkonsumenten 24 bzw. 36 Euro (inklusive Versand und MwSt.) kosten. Die günstigeren Gastronomiepreise variieren je nach Bestellmenge.

Noch komplexer und interessanter sind natürlich die Lagenweine von Lingua Franca, die zwischen 50 und 65 Euro kosten und aus verschiedenen Jahren stammen. Dazu gibt es noch eine Reserve namens „Estate“. Um zu beurteilen, wie diese Weine reifen, fehlt es natürlich noch an Zeit. Schließlich stammt der erste jemals gekelterte Lingua Franca Wein aus 2015. Umweltbewusste Regionalisten fragen sich vielleicht, ob man wirklich Weine vom anderen Ende der Welt trinken muss. Ihnen sei gesagt: Natürlich muss man nicht. Aber man darf. Auf Lingua Franca wird biodynamisch gearbeitet und die CO2-Belastung hält sich bei Wein, der Containerweise auf Schiffen transportiert wird, auch in Grenzen. Bis die Preise in der Burgund wieder auf ein vernünftiges Niveau gesunken sind (hahaha), trinken wir guten Gewissens ein paar Flaschen geilen Pinot Noir aus Oregon.       

Alle Etiketten von Lingua Franca sind künstlerisch gestaltet und spiegeln die Vorlieben des Gründers Larry Stone wider.

Für die tägliche Arbeit in Weingarten und Keller ist Thomas Savre verantwortlich, der trotz seiner jungen Jahre schon ein erfahrener „Pinot-Macher“ ist.