GESCHICHTE(N) TRINKEN

Der Blick zurück kann so reizvoll sein, wenn man gereifte, große Weine gemeinsam mit dem Weinmacher verkosten darf. Sitzt man dabei mit Tim Mondavi zu Tisch, wird so ein Tasting zu einer Reise durch Zeit und Raum.

Text & Fotos: Wolfgang Schedelberger

Tim Mondavi und Gerhard Kracher im Wiener Lokal Schatz Imhof im Dezember’23.

Meine persönliche „Weinkarriere“ hat in den frühen 1990er Jahren in der Toskana begonnen. Zu Hause in Wien habe ich, so wie die meisten Studenten zu dieser Zeit, recht einfache und billige Österreicher getrunken – ja, manchmal auch gespritzt. Bei ersten Toskana-Urlauben sind mir dann erstmals auch mächtige Rotweingranaten begegnet, die für meine damaligen Verhältnisse ein kleines Vermögen gekostet haben (rückblickend betrachtet aber doch spottbillig waren). Geleistet habe ich sie mir trotzdem, weil sie so anders geschmeckt haben, als alles, was ich bis dahin kannte. Was ich seinerzeit nicht gewusst hatte: bei zwei meiner liebsten „Supertuscans“ hatte ein Amerikaner namens Tim Mondavi seine Finger im Spiel: Ornellaia und Luce.

Als ich Jahre später das erste Mal ins Napa Valley kam, war mir der Name Mondavi schon geläufig. Wir besuchten auch das legendäre Weingut Opus One, das kurz zuvor von der Constellation Group übernommen worden war. Robert Mondavi und Philippe de Rothschild (Mouton-Rothschild) hatten das Prestige-Weingut 1978 gegründet und zur berühmtesten Winery der USA gemacht. Gut aber teuer war damals mein Fazit, aber das galt ja für fast alle prestigeträchtigen „Super Cabs“ aus Kalifornien.

Seither ist das Weinbusiness international geworden. Luxus-Konzerne begannen Kultweingüter zu kaufen und global zu vermarkten. Diese Entwicklung ist mir nicht sonderlich sympathisch. Auch fehlt mir das Budget, um mit neureichen Angebern aus aller Welt mitzubieten, um Flaschen im drei- bis vierstelligen Euro-Bereich zu ersteigern.  

Lieber trinke ich Weine von Familienbetrieben, die ich kenne. Mehrere tausend Flaschen und Dutzende Weinreisen rund um den Erdball später, habe ich heute einen weiten Wein-Horizont. Gleichzeitig hat sich auch die Weinszene dramatisch verändert. Wenn ich jetzt mit jüngeren Weingeeks fachsimple, kommt das Gespräch nur selten auf mächtige, lang gereifte Rotweine aus Übersee. Irgendwie ist diese Weinstilistik aus der Mode gefallen. Doch ein Nachmittag mit Tim Mondavi in Wien hat meine erste große Liebe wieder zu neuem Leben erweckt. 

Die Opus One Winery in Oakville, Kalifornien ist eines der berühmtesten Weingüter.

Andere Zeiten – andere Stile

Den Anfang machte ein 1992er Cabernet Sauvignon Reserve vom Weingut Robert Mondavi. Tims Vater hatte es 1966 mit viel Leidenschaft und wenig Kapital gegründet. Damals war das Napa Valley noch keine international bekannte Weinbauregion. Die berühmte „Paris-Weinprobe“, bei der französische Fachleute in einer Blindverkostung sowohl bei den Weiß- wie auch den Rotweinen Flaschen aus dem Napa-Valley höher bewerteten, als die teuersten französischen Kultweine, fand erst 1976 statt. In den folgenden Jahren erlebte Napa Valley einen bis heute anhaltenden Boom, der zu einem guten Teil vom Esprit von Robert Mondavi befeuert wurde. Tim arbeitete bereits seit 1973 als Winemaker mit – beim 1992er war er also schon ein erfahrener Önologe. 31 Jahre später ist Tim auf „seinen“ Cabernet Sauvignon, der den Namen seines Vaters trägt, zurecht voller Stolz: fast noch jugendlich, elegant und keine Spur von „fett“ oder alkoholisch. Komplett reinsortig war dieser „Super-Cab“ übrigens nicht. Zu den 89 % Cabernet Sauvignon kamen 8 % Merlot und 3 % Cabernet Franc dazu.   

Ganz ähnlich präsentierte sich der vier Jahre später gelesene Opus One. Tim Mondavi war damals für die Weine beider Betriebe verantwortlich. Genauso wie bei der ersten Probe, handelt es sich nicht um einen reinsortigen Cabernet Sauvignon. Der 1996er Opus One hat acht Prozent Merlot und jeweils drei Prozent und Cabernet Franc und Petit Verdot dabei. Ab den 2000er Jahren kam dann immer mehr Petit Verdot dazu, der Merlot-Anteil ging zurück.  

Westlich der Anden

Bevor wir nach Italien – der Herkunft von Tims Großvater Cesare – wechselten, machten wir noch einen Sprung nach Südamerika. 1995 hat Robert Mondavi mit dem befreundeten Eduardo Chatwick von Viña Errázuriz in Chile das Weingut Seña gegründet. Tim war von Anfang an dabei und hat gemeinsam mit Chatwick auch den ersten Jahrgang verantwortet. Die Philosophie war folgende: Gemeinsam wollte man einen international respektierten Top-Wein auf Cabernet Sauvignon-Basis zu erschaffen, der gleichzeitig eine unverwechselbar chilenische Seele hat. „Nur“ 70 Prozent Cabernet Sauvignon, dafür 30 % Carmenere lautete die ursprüngliche Erfolgsformel, die im Laufe der Jahre dem spezifischen Terroir des Weinguts im Aconcagua Valley angepasst wurde. Die ersten Jahrgänge wurden aus den besten Errázuriz-Lagen gekeltert, seit 15 Jahren kommen ausschließlich Reben von den 1996 neu ausgepflanzten, höher gelegenen Weingärten von Seña zum Einsatz. Seit 2012 ist in der Cuvée auch Malbec dabei. Beim aktuellen Jahrgang 2021 sind nur mehr 50 % Cabernet Sauvignon drinnen, dafür 27 % Malbec, 17 % Camenere und 6 % Petit Verdot. Der fast schon 30 Jahre alte 1995er Seña präsentierte sich noch immer voll auf der Höhe. 

Natürlich sind die 50 Ernten, die Tim Mondavi bisher bestritten hat, in erster Linie eine Geschichte des Cabernet Sauvignons. Egal ob es sich absolute Spitzenweine im Luxus-Segment oder um das kommerziell unglaublich erfolgreiche Woodbridge-Label für US-Supermärkte gehandelt hat – kein anderer Weinmacher der letzten 50 Jahre hat unsere Vorstellung, wie ein großer Cabernet Sauvignon zu schmecken hat, derart geprägt, wie Tim Mondavi.

Doch das vielleicht noch größere Vermächtnis, das weit über das Ökonomische hinausgeht, hat mit seiner Kunst, jeweils passende Cuvée-Partner für den Cabernet Sauvignon zu finden, zu tun. Statt ihn – wie in der Vergangenheit so oft – als „Mr. Cabernet“ zu bezeichnen, würde ihm ein Ehrentitel zu Cabernet Franc und Petit Verdot mindestens genauso gut zu Gesicht stehen, wenngleich er diese Rebsorten (außer für Experimentier-Zwecke) nie reinsortig gekeltert hat. Statt wie am Anfang seiner Karriere nur maximal 15 Prozent andere Rebsorten zu verwenden, sind es heute bis zu 50 Prozent (Continuum 2019). Da kann man dann nicht mehr, davon sprechen (wie es manche Kellermeister im Médoc gerne tun), dass der große Cabernet Sauvignon mit ein paar Tropfen anderer Rebsorten nur gewürzt würde. Das ist ein Paradigmen-Wechsel! 

Gute Jahre in der Toskana

In gewisser Weise stellte das gemeinsam mit der Familie Frescobaldi gestartete Projekt Luce della Vite einen Ausreißer dar. Vitorio Frescobaldi hatte das Weingut Castelgiocondo in Montalcino erst vor kurzem erworben gehabt und sogleich damit begonnen, neben dem allgegenwärtigen Sangiovese auch Cabernet Sauvignon und Merlot auszupflanzen. Der Merlot fühlte sich auf Anhieb wohl und wird bis heute auch reinsortig ausgebaut („Lamaoine“). Anders der Cabernet, der einfach nicht hierher passte – also wurde er wieder ausgerissen. Das Gemeinschaftsprojekt Luce delle Vite wurde operativ von den beiden Söhnen Tim Mondavi und Lamberto Frescobaldi gemanagt, eine 50/50 Cuvée aus Merlot und Sangiovese wurde geboren. Nach der „feindlichen Übernahme“ des Mondavi-Imperiums im Jahr 2004 übernahmen die Frescobalis die alleinige Führung des Luce-Projekts, das bis zum heutigen Tag fortbesteht. Dass er auch ohne Cabernet Sauvignon sehr langlebige Weine keltern kann, hat Tim Mondavi mit den 2001er Luce, den er zum Tasting mitbrachte, unterstrichen. Als Teil seines önologischen Lebenslaufs gehört ein Luce einfach auch dazu.

Genauso wenig will Tim Mondavi seine Zeit bei der Tenuta Del Ornellaia missen, die fast 15 Jahre andauerte. Heute gehört Ornellaia zur Familie Frescobaldi, den ehemaligen Luce-Partnern der Mondavis. Hier durfte Tim sich wieder darum bemühen, die perfekte Balance zwischen Cabernet Sauvignon (60 %), Cabernet Franc (20 %) und Petit Verdot (5 %) zu finden, wobei in klassischer Bordeaux-Stilistik auch 15 % Merlot dabei sind. „Es war ein kleines Wunder, wie es dazu gekommen ist, dass ich ein paar Jahre lang dieses außergewöhnliche Weingut leiten durfte. Ich denke, dass sich der 2003er auch zwanzig Jahre nach der Ernte noch in Bestform präsentiert“, erklärte Tim Mondavi nicht ohne Stolz die fünfte Probe des Tastings.

Über die Familiensaga der Mondavis sind Bücher geschrieben worden. Sie nachzuerzählen würde den Rahmen hier bei weitem sprengen. Nur so viel: Das gigantische Wachstum, das Robert Mondavi seit den späten 1980er Jahren hingelegt hatte, war zu einem Gutteil mit fremdem Kapital finanziert worden. Im Zuge von internen Differenzen kam es im Jahr 2004 zu einer feindlichen Übernahme durch den Constellation-Konzern. Unser Mitleid darf sich in Grenzen halten, schließlich ist über eine Milliarde Euro an die verschiedenen Mitglieder der Mondavi-Familie geflossen. Trotzdem stand Tim über Nacht ohne eigenes Weingut da. Für ein luxuriöses Pensionistendasein fühlte er sich mit 53 Jahren noch zu jung. 

Das nächste Kapitel

Was also machen? Die ganze Welt stand ihm offen. Schlussendlich entschied sich Tim, im heimatlichen Napa-Valley zu bleiben, um gemeinsam mit seiner Schwester Marcia das Weingut Continuum zu gründen. Auch dort dreht sich alles um möglichst perfekten Cabernet Sauvignon – samt standesgemäßer Begleitung. Nur in ganz seltenen Ausnahmejahren liegt der Cabernet Sauvigon-Anteil über 60 Prozent. Fast gleichberechtigt steht der Cabernet Franc dahinter, gefolgt von Petit Verdot und etwas Merlot. Der aktuelle Jahrgang 2019 hat 50 % Cabernet Sauvignon, 37 % Cabernet Franc, 7 % Petit Verdot und 6 % Merlot, der 2006er 59 % Cabernet Sauvignon, 25 Cabernet Franc und 16 % Petit Verdot. Während bei den ersten Jahrgängen noch mit zugekauften Trauben gearbeitet werden musste, wird heute fast ausschließlich mit Material aus den eigenen Weingärten (Sage Mountain Vineyard) gearbeitet, die sich durch ihre Höhenlage auszeichnen – schließlich ist der Klimawandel auch in Kalifornien zu spüren.

Beide Continuum-Jahrgänge sind überzeugende Vertreter des Napa Valleys: vollmundig, süffig, mit straffen Cabernet-Rückgrat, aber trotz aller Power von Eleganz und einer unglaublichen Länge geprägt. Tim ist ganz offensichtlich stolz auf diese Weine und sieht sie als Krönung seiner bisherigen Arbeit: „Die Reise ist noch nicht zu Ende. Weitere 50 Ernten werde ich wohl nicht mehr schaffen, aber seit wir wieder ein eigenes Weingut haben, in dem die ganze Familie mitarbeitet, mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen. Letztes Jahr haben wir das hundertjährige Jubiläum der ersten Mondavi-Ernte in Napa Valley gefeiert. Ich bin guter Dinge, dass die nächsten Generationen diese Tradition fortsetzen.“ 

Das Ornellaia Buch:Die 220 Seiten sind mit zahllosen großformatigen Bildern bestückt, deren emotionale Sprache die Faszination und Magie der Region und der großartige Weine einfängt.

Exkurs: Der Superstar als Teamplayer

Mit über 300.000 Hektar Rebfläche ist der Cabernet Sauvignon die weltweit populärste Sorte überhaupt geworden. Ursprünglich stammt sie aus dem Bordeaux, wo sie im Medoc die am meisten angebaute Sorte ist und die Weinstilistik aller Rotweine dominiert. Wirklich reinsortig wird jedoch kein einziger der Premier Crus gekeltert. Laut AOC-Regeln des Médoc wäre dies sogar verboten!  Je nach Weingut kommen ein paar Prozent Merlot, Cabernet Franc und/oder Petit Verdot dazu. Weiters sind noch Carmenere und Malbec erlaubt.

Um ähnliche tolle Weine zu produzieren zu können, haben Weinbauregion auf der ganzen Welt mit Bordelaiser Rebsorten experimentiert – allen voran Cabernet Sauvignon und Merlot. In Argentinien hat sich hingegen der in Bordeaux nur mehr in kleinstem Maßstab ausgepflanzte Malbec besonders wohl gefühlt. Absolute reinsortige Cabernet Sauvignons sind aber auch im Ausland in der Minderheit geblieben. Selbst der italienische „Kult-Cabernet“ Sassicaia wird mit 15 % Cabernet Franc verschnitten. Und auch beim mehrere tausend Euro teuren Screaming Eagle aus dem Napa Valley sind „nur“ rund 80 Prozent Cabernet Sauvignon drinnen. Das ist doch erstaunlich, denn über 80 aller weltweit produzierten Rotweine werden aus nur einer Sorte gemacht.

So sind reinsortige Cabernets wie Mas de Plana der Familie Torres aus dem Penedes und der sehr teure BIN 707 von Penfolds aus dem Barossa Valley die absolute Ausnahme geblieben. In Österreich ist die Familie Kollwentz zu nennen, die wiederholt den besten reinsortigen Cabernet Sauvignon des Landes keltert. Im Steinzeiler, der Top-Cuvée von Kollwentz, ergänzen Cabernet Sauvignon und der heimische Zweigelt den dominierenden Blaufränkisch zu einer runden Sache.   

Cabernet ist in Österreich seit 1986 als Qualitätsrebsorte zugelassen. Heute sind österreichweit 570 Hektar damit ausgepflanzt. Der Klimawandel mit längeren Wärmeperioden bis in den Herbst hinein hat dazu geführt, dass es kaum mehr „grüne“, also unreife Cabernet Sauvignons aus Österreich gibt. 

Das Sena Hilltop Mirador im Valle de Aconcagua in Chile. Das ehemalige chilenische Joint Venture von Eduardo Chadwick und Robert Mondavi bringt einen Wein hervor, der seinesgleichen sucht.

“Lieber trinke ich Weine von Familienbetrieben, die ich kenne.”

– Wolfgang Schedelberger –

Mit rund 300 Euro pro Flasche haben die Continuum-Weine ein stolzes Preisniveau, sind aber doch deutlich günstiger, als so manche „Kultflaschen“ aus dem Napa Valley oder gar dem Bordeaux.

Man wird weltweit nur wenige 98 Punkte-Weine (Wine Advocat, James Suckling sogar 99/100) finden, die günstiger sind. Wenn man wirklich große Rotweine mit Reifepotential trinken will, gehört ein bisschen Schmerzensgeld einfach dazu. Gerade dann, sollte man aber genau darauf schauen, was man kauft.

Das gilt übrigens auch für Continuum: Seit ein paar Jahren wird dort ein „Zweitwein“ namens Novicum gekeltert. Der aktuelle Jahrgang 2019 ist mit 76 % Cabernet Sauvignon (10% Cabernet Franc, 12 % Petit Verdot, 2 % Merlot) komponiert, alles Trauben stammen aus eigenen Weingärten. Zweifellos ist auch dies ein toller Wein (kräftig, straffe Struktur, große Länge). In der aktuellen Jugendlichkeit ist der Abstand zum „großen Bruder“ sensorisch betrachtet gar nicht so groß. Dass ihm der Wine Advocat „nur“ 92 Punkte gibt (Suckling 96), ist vielleicht etwas zu niedrig. Mit rund 200 Euro pro Flasche handelt es sich allerdings nicht um einen günstigen Zweitwein. Wenn man plant, den Wein noch einige Jahre reifen zu lassen, würde ich daher zum Erstwein Continuum raten.

Fazit: Danke lieber Tim! Ich habe meine fast schon vergessene Jugendliebe neu entdeckt und werde mir – Weinmoden hin oder her – im neuen Jahr auch wieder ein paar edle Cabernet-Cuvées gönnen – vor allem aus Italien und Kalifornien. Große Weine sind und bleiben einfach groß. Da gilt dann auch die Regel: Je reifer, desto besser!

Links

Hier zu einem Interview, das Doug Shafer vom gleichnamigen Weingut aus dem Napa Valley im vergangenen Jahr mit Tim Mondavi geführt hat.

Hier zu einem Artikel von Lust & Leben Autor Roland Graf, der auch detaillierte Kostnotizen bietet.  

Hier zum Online-Shop von Kracher Fine Wines mit den aktuell verfügbaren Continuum-Jahrgängen.